Bei den 60. Römerberg-Gesprächen in Frankfurt stellten Historiker, Journalisten und Politikwissenschaftler am Sonntag heraus, dass die Gefährdung der Demokratie nicht in einem einzigen, dramatischen «Knall» zu erwarten sei. Im Chagall-Saal des Schauspielhauses diskutierten die Teilnehmenden unter dem Titel „Machtübergabe? Wie geht es weiter, wenn der demokratische Liberalismus abgewählt wird?“ über mögliche Wege des Rechtsstaats in Zeiten zunehmender politischer Polarisierung.
Kein Vorbild für die Gegenwart
Auf dem Podium herrschte Übereinstimmung, historische Vergleiche vorsichtig zu verwenden. Der Journalist Justus Bender analysierte Etappen des politischen Rechtsrucks in seinem Vortrag „Etappensiege auf dem Weg nach 2033 – was will die AfD wirklich?“ und warnte damit vor der Gefahr, aktuelle Entwicklungen als einmalige oder überraschende Zäsur zu missdeuten. Der Historiker Jens Bisky mahnte, dass entscheidende Wendepunkte nicht notwendigerweise an einem einzelnen Datum ablesbar seien: Für ihn markiert nicht erst 1933 die Zäsur, sondern bereits der 18. Oktober 1930, als die SPD begann, die Regierung Brüning zu tolerieren — ein Schritt, der nach Biskys Analyse den parlamentarischen Prozess faktisch außer Kraft setzte.
„Man kann aus der Geschichte auch das Falsche lernen.“
Diese Bemerkung Biskys wurde mehrfach aufgegriffen: Es sei verfehlt, die gegenwärtige Lage ausschließlich mit historischen Etiketten zu versehen. Statt auf reine Zuschreibungen setzten die Diskussionsteilnehmer auf klarere inhaltliche Abgrenzungen und politische Antworten.
Praktische Politik statt Verbotsfantasien
Ein wiederkehrender Tenor der Gespräche war Skepsis gegenüber einfachen Lösungen. Ein parteiübergreifendes Verbot als Mittel gegen rechtspopulistische Bewegungen fand auf dem Podium kaum Fürsprecher. Vielmehr betonten die Experten, dass demokratische Praxis, politische Bildung und klare inhaltliche Positionierungen zentral seien, um rechtsautoritären Tendenzen entgegenzutreten.
- Debattenfokus: Wie reagiert der demokratische Liberalismus, wenn er gewählt wird?
- Historische Einordnung: Vorsicht vor simplen Analogien zu früheren Systemumbrüchen.
- Praktische Konsequenz: Klare inhaltliche Abgrenzung und stärkere politische Kommunikation statt Verbotsstrategien.
Beobachtungen aus der Praxis
In der Diskussion wurde auch auf aktuelle Proteste verwiesen: So hatte es in der Vorwoche in Leverkusen Widerstand gegen einen Auftritt von Ulrich Sigmund (AfD) gegeben. Solche Auseinandersetzungen zeigten laut Podiumsteilnehmenden, wie angespannt das gesellschaftliche Klima bereits sei — allerdings nicht in Form eines einmaligen Ereignisses, sondern als Summe vieler kleiner Konflikte und politischer Verschiebungen.
| Datum | Erklärung in der Diskussion |
|---|---|
| 18. Oktober 1930 | Beginn der Tolerierung der Regierung Brüning durch die SPD — für Bisky Beginn der faktischen Außerkraftsetzung des Parlamentarismus |
| 1933 | Traditionelle Datierung der Zäsur; Bisky sieht hier weniger den entscheidenden Wendepunkt |
Die Gespräche in Frankfurt zeigten eine Spannbreite an Einschätzungen, doch verband die Teilnehmenden ein realistischer Blick auf die Mechanismen, die Autoritarismus fördern können: schleichende Entsolidarisierung, institutionelle Schwächung und das Verschieben des politischen Diskurses nach rechts.
Für die gesellschaftliche Debatte bedeutet das: Politische Akteure müssen nicht nur rhetorisch gegensteuern, sondern auch institutionell und inhaltlich klären, wofür sie stehen. Die Diskussionsteilnehmer plädierten dafür, konkret zu benennen, was man ablehnt, und zugleich positive politische Alternativen anzubieten — eine Aufgabe, die über symbolische Gesten hinausgeht.
Die 60. Römerberg-Gespräche haben damit weniger eine einfache Handlungsanweisung geliefert als einen Appell zur Wachsamkeit: Demokratie, so das Fazit vieler Rednerinnen und Redner, gefährdet nicht ein einzelner Schock, sondern kann durch schrittweise Aushöhlung in ihrer Substanz geschwächt werden.