Kritik an Prioritäten und Vorschlag für Koordination
Schularick fordert, die Modernisierung der Bundeswehr stärker an künftigen Bedrohungsbildern und an technologischen Stärken Deutschlands auszurichten. Statt überwiegend in bemannte Fahrzeuge und traditionelle Militärhardware zu investieren, müsse der Fokus auf Künstlicher Intelligenz, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik liegen. Er weist zugleich auf einen strukturellen Engpass hin: Die Beschaffung sei derzeit über verschiedene, langsame Ministerien verteilt.
„Was wir nicht haben, sind Hunderttausende Menschen, die in Panzer steigen und an die Front fahren möchten.“
Aus diesem Grund plädiert der Ökonom für einen zentralen Koordinator im Kanzleramt, der mit politischer Durchsetzungsfähigkeit Industrie, Start-ups und Ministerien zusammenführt und Beschaffungsprozesse auf ein gemeinsames Ziel ausrichtet. Als denkbare Persönlichkeiten für eine solche Rolle nannte Schularick beispielhaft den früheren Telekom-Vorstandschef René Obermann und den ehemaligen Airbus-Chef Tom Enders.
Finanzielle Dimension und wirtschaftspolitische Chance
Im Gespräch bezeichnete Schularick das Milliardenprogramm zur Bundeswehrmodernisierung als zeitlich und finanziell umfangreich. Bis 2030 stünden demnach 700 Milliarden Euro zur Verfügung, die zum großen Teil kreditfinanziert seien. Er warnte davor, dass die Mittel wirkungslos verpuffen könnten, wenn sie in veraltete Systeme fließen.
| Größe des Programms | Zeithorizont |
|---|---|
| 700 Milliarden Euro | bis 2030 |
Schularick sieht in der richtigen Verwendung der Mittel zugleich eine ökonomische Chance. Deutschland verfüge über „viel Kapital, viel industrielles Know-how und in Teilbereichen auch immer noch hochmoderne Technologien“. Richtig eingesetzt, könnten die Ausgaben Wachstum stimulieren und die inländische Industrie stärken.
Konsequenzen für Regierung und Industrie
Der IfW-Präsident fordert eine grundlegende Umstellung der Beschaffungsstrategie: Es reiche nicht, bloß Bestände der Bundeswehr zu füllen. Vielmehr müsse von Anfang an technologisches Design und Zukunftsfähigkeit mitgedacht werden. Seine Kritik zielt sowohl auf die Bundesregierung als auch auf die Rüstungsindustrie.
- Beschaffung zentralisieren: Ein koordinierender Akteur im Kanzleramt soll Friktionen beseitigen und Prozesse beschleunigen.
- Technologie statt Masse: Schwerpunkt auf KI, Robotik, Drohnen, Satelliten, weniger auf klassische, bemannte Systeme.
- Wirtschaftliche Hebel nutzen: Investitionen sollen Wachstumseffekte und industrielle Modernisierung erzeugen.
Die Vorschläge Schularicks werfen Fragen an die politische Praxis auf. Ein zentraler Beschaffungskoordinator würde Macht- und Zuständigkeitsverhältnisse zwischen Kanzleramt, Verteidigungsministerium und Wirtschaft neu ordnen. Dies dürfte intensive Abstimmungsprozesse erfordern und politischen Widerstand aus betroffenen Ressorts hervorrufen.
Ob die Bundesregierung seine Forderungen aufgreift, blieb im Bericht unkommentiert. Klar ist jedoch: Die Debatte um die strategische Ausrichtung der 700-Milliarden-Mittel wird sich an der Schnittstelle von Sicherheitspolitik und Industriepolitik entscheiden. Die nächste Phase der Modernisierung der Bundeswehr wird daher nicht nur militärische, sondern auch ökonomische und organisatorische Weichenstellungen verlangen.