Eine Untersuchung der University of Oxford kommt zu dem Ergebnis, dass der rekombinante Gürtelroseimpfstoff Shingrix neben dem Schutz vor Herpes Zoster auch mit einem reduzierten Risiko für verschiedene kardiovaskuläre Erkrankungen verbunden ist. Die Arbeit wurde am 26. August 2026 im Fachblatt Nature Medicine veröffentlicht.
Design und Methode: Natürliches Experiment statt Vergleich Geimpft–Ungeimpft
Im Unterschied zu früheren Studien, die geimpfte mit ungeimpften Personen verglichen, nutzten die Forschenden ein sogenanntes natürliches Experiment. In den USA wurde der ältere Lebendimpfstoff Zostavax ab Oktober 2017 rasch durch Shingrix ersetzt. Darauf aufbauend verglich das Team zwei Kohorten von jeweils 36.460 Personen im Alter ab 60 Jahren: eine Gruppe hatte kurz vor dem Wechsel Zostavax erhalten, die andere kurz nach dem Wechsel Shingrix. Dieses Vorgehen soll den sogenannten "Healthy‑Vaccinee‑Bias" verringern, also die Verzerrung, dass sich Impfwillige generell gesünder verhalten.
"Healthy‑Vaccinee‑Bias"
Ergebnisse über sieben Jahre
Die Analyse umfasste einen Beobachtungszeitraum von bis zu sieben Jahren. Kernergebnisse:
- Geimpfte mit Shingrix verbrachten im Mittel 9 Prozent mehr Zeit ohne diagnostizierte kardiovaskuläre Erkrankung als die Zostavax‑Gruppe.
- Für ischämische Herzerkrankungen wurde eine Risikoreduktion von 10 Prozent ermittelt.
- Bei Herzinsuffizienz lag die Reduktion bei 12 Prozent.
- Das Auftreten von Vorhofflimmern war um 7 Prozent reduziert.
- Männer zeigten zusätzlich ein um 12 Prozent geringeres Schlaganfallrisiko.
Tabelle: Übersicht der berichteten Effekte
| Endpunkt | Reduktion (Shingrix vs. Zostavax) |
|---|---|
| Zeit ohne kardiovaskuläre Erkrankung (mittl.) | 9 % |
| Ischämische Herzerkrankungen | 10 % |
| Herzinsuffizienz | 12 % |
| Vorhofflimmern | 7 % |
| Schlaganfall (bei Männern) | 12 % |
Einordnung und offene Fragen
Die Studie liefert starke Hinweiswerte dafür, dass eine moderne Gürtelroseimpfung über den reinen Infektionsschutz hinaus kardiovaskuläre Vorteile haben könnte. Wichtige Einschränkungen bleiben jedoch bestehen: Das Design eliminiert nicht alle möglichen Confounder, und die Ergebnisse betreffen einen Vergleich zweier Impfstoffe – nicht den direkten Vergleich Geimpft gegen Ungeimpft. Aussagen zur Wirkmoralität der Impfung im Vergleich zur Nicht‑Impfung lassen sich daraus nicht unmittelbar ableiten.
Wissenschaftlich plausibel wäre, dass immunologische Mechanismen und die Vermeidung systemischer Entzündungszustände nach Herpes‑Zoster‑Infektionen kardiovaskuläre Risiken mindern. Die Studie selbst kann solche Mechanismen jedoch nicht belegen; sie zeigt robuste Assoziationen auf Populationsniveau.
Konsequenzen für Praxis und Gesundheitspolitik
Für Ärztinnen und Ärzte sowie Entscheidungsträger in der Gesundheitsvorsorge bedeuten die Befunde zusätzlichen Anschub, die Impfung bei älteren Personen zu erwägen. Weitere unabhängige Untersuchungen und Meta‑Analysen sind nötig, um die Ergebnisse zu bestätigen und mögliche Wirkmechanismen zu klären. Ebenso wichtig sind Daten zu Sicherheit, Dauer des Effekts und zur Übertragbarkeit auf andere Populationen außerhalb der untersuchten US‑Kohorten.
Für Patienten gilt weiterhin: Die Impfung schützt primär vor Gürtelrose und möglichen Komplikationen davon. Etwaige kardiovaskuläre Zusatznutzen sind ein weiterer, vielversprechender Befund, der jedoch noch nicht als alleiniger Grund für eine Impfung herangezogen werden sollte.
Die Studie erweitert das Blickfeld in der Impf‑ und Präventionsforschung: Impfungen können direkte Schutzwirkungen gegen Infektionen haben und möglicherweise indirekt chronische Krankheitsrisiken beeinflussen. Ob und in welchem Ausmaß das für die Praxis zu veränderten Impfempfehlungen führt, bleibt Aufgabe weiterer Forschung und gesundheitspolitischer Abwägung.