Steffen Mau, Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktor der Abteilung »Ungleichheit, Transformation und Konflikt« am Max‑Planck‑Institut für Politik‑ und Sozialwissenschaft, zieht eine nüchterne Bilanz der deutschen Einheit: »Jein«. Politisch-rechtlich sei die Vereinigung vollzogen, doch in gesellschaftlicher und ökonomischer Hinsicht blieben substantielle Differenzen sichtbar und teilweise dauerhaft.
Ein politischer Konsens, aber kein vollständiger sozialer Verschmelzungsprozess
Mau betont, dass sich in den neuen Bundesländern eine Demokratie etabliert habe, inklusive einer funktionierenden Marktwirtschaft und eines Rechtsstaats. Zugleich weist er auf „Risse, Brüche und politische Unwuchten“ hin, die den demokratischen Alltag dort prägen. Diese Feststellung trennt die juristische Seite der Einheit klar von ihren gesellschaftlichen Folgen: Die Institutionen wurden übernommen, doch die sozialen und kulturellen Transformationen verliefen ungleichmäßig.
„Das ist eine sehr schwierige Frage. ... Jein.“
Der Soziologe macht deutlich, dass das Bild eines abgeschlossenen Angleichungsprozesses eine falsche Erwartung war. Wer annahm, dass sich Unterschiede in Sozialstruktur, wirtschaftlicher Entwicklung oder Mentalität vollständig auflösen, habe die Komplexität historischer Transformation unterschätzt. Mau verwendet dafür den Begriff „ossifiziert“, um die Stabilisierung gewisser Differenzen zu beschreiben — ein Begriff, der bildhaft die Verfestigung sozialer Muster benennt.
Biografische Perspektive als Forschungsvorsprung
Mau bringt persönliche Erfahrung in seine Analyse ein: Geboren 1968 in Rostock, lebte er 21 Jahre in der DDR, arbeitete als Facharbeiter für Schiffselektronik und war Funker bei der Nationalen Volksarmee. Er erlebte den Mauerfall während eines Wachdienstes in der Kaserne. Diese Lebensgeschichte kombiniert mit akademischer Forschung verleiht seinen Beobachtungen sowohl empirische Tiefe als auch lebensweltliche Authentizität.
- Politisch-rechtlich: Einheit hergestellt; demokratische Institutionen etabliert.
- Sozial und wirtschaftlich: Unterschiedliche Entwicklungsverläufe, strukturelle Disparitäten und demografische Ungleichheiten bleiben bestehen.
- Kulturell: Abweichungen in politischer Kultur und Mentalität sind weiterhin spürbar.
Als ausgewiesener Forscher zur Transformation Ostdeutschlands bringt Mau eine lange Publikationsliste mit einschlägigen Titeln mit: Seine Bücher gehören zu den meistbeachteten Analysen der letzten Jahre und verbinden empirische Forschung mit gesellschaftlicher Debatte.
| Werk | Jahr |
|---|---|
| „Lütten Klein – Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“ | 2019 |
| „Triggerpunkte“ | 2023 |
| „Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt“ | 2024 |
Folgen für Politik und gesellschaftliche Debatte
Mau fordert damit implizit ein Umdenken in der Bewertung des Einigungsprozesses: Statt von einem abgeschlossenen Zustand auszugehen, sei Einheit als andauernder Prozess zu begreifen. Das hat praktische Folgen für Politik und Gesellschaftsplanung — etwa in Fragen von Strukturförderung, Bildung und demografischer Politik. Eine Debatte, die ausschließlich auf rechtliche Gleichstellung abstellt, verkennt laut Mau die persistierenden Wirklichkeiten auf lokaler und regionaler Ebene.
Seine Perspektive erinnert daran, dass historische Umbrüche nicht automatisch soziale Gleichheit herstellen. Die Bezeichnung der Unterschiede als teils „ossifiziert“ weist darauf hin, dass manche Muster tief in Strukturen eingeschrieben sind und nur durch langfristige, gezielte Maßnahmen veränderbar erscheinen.
Die Analyse eines renommierten Wissenschaftlers wie Mau trägt dazu bei, die öffentliche Diskussion zu versachlichen: Sie lenkt den Blick weg von einfachen Erfolgserzählungen hin zu einer differenzierten Betrachtung, die politische Errungenschaften würdigt, aber gleichzeitig bestehende Ungleichheiten nicht beschönigt.
Für Entscheidungsträger bedeutet das: Anerkennung des erreichten rechtlich-politischen Rahmens und zugleich verstärkte Aufmerksamkeit für die sozialen und ökonomischen Fragen, die weiterhin ungelöst sind. Mau liefert damit keine schnelle Antwort, sondern eine Einladung zu einer realistischen, langfristig orientierten Auseinandersetzung mit den Folgen der Wiedervereinigung.