Wien — Eine Tagung über Heimito von Doderer hat am vergangenen Samstag in Wien unerwartet großes Interesse ausgelöst. Die Veranstaltung der Wiener Filiale der Heimito-von-Doderer-Gesellschaft, überschrieben „Doderers Wien: Ein Autor und seine Stadt“, fand kurz nach dem 130. Geburtstag des Schriftstellers statt und verzeichnete, inklusive Vortragender, nahezu 200 Teilnehmer. Erwartet worden waren etwa 80 Besucher.
Breites Interesse an einem komplexen Autor
Der Andrang überraschte die Organisatoren. Die Beiträge auf der Tagung setzten sich vor allem textnah mit Doderers Werk auseinander und verlangten vom Publikum gute Kenntnisse der Originaltexte. In den Vorträgen wurden mehrere Perspektiven verknüpft: die Frage nach einem spezifisch wienerischen Stil, biografische Motivationen und problematische Themen der Rezeption.
Der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach argumentierte in seinem Referat, dass Doderer auf eine Weise schreibe, die eng mit Wien verbunden sei und ihn in eine Tradition stelle, die bis zu expressionistischen Zügen reicht. Der Germanist Michael Maar zog Vergleiche zu Thomas Mann, insbesondere im Hinblick auf erotische Darstellungen und literarische Anspielungen. In diesem Zusammenhang verwies Maar auch auf Aspekte in Doderers Texten, die auf bisexuelle Voyeurismen hindeuten; sogar sadomasochistische Gedanken seien in manchen Figurenkonstellationen zu erkennen.
Claudia Girardi, Mitbegründerin der Wiener Gesellschaft, fokussierte sich in ihrem Beitrag auf Doderers Großwerk Die Dämonen. Sie machte deutlich, dass die 1956 erschienene, endgültige Fassung des Romans zwar von Doderer persönlich von den gravierendsten rechtsextremen und antisemitischen Passagen bereinigt worden sei, in den Vorentwürfen und historischen Kontexten jedoch weiterhin Spuren dieser Tendenzen zu finden seien.
- Veranstaltungstitel: „Doderers Wien: Ein Autor und seine Stadt“
- Anlass: Kurz nach dem 130. Geburtstag des Autors
- Geburtsdaten: 5. September 1896, Hadersdorf‑Weidlingau (heute XIV. Bezirk, Penzing)
- Sterbedatum: 23. Dezember 1966
- Erwartete/Anwesende: ca. 80 erwartet / knapp 200 erschienen (inkl. Vortragende)
„Doderers Wien: Ein Autor und seine Stadt“
Rezeption und kritische Aufarbeitung
Die Tagung zeigte, wie ambivalent die Rezeption Doderers bis heute bleibt: Auf der einen Seite steht die literarische Bedeutung seines erzählerischen Duktus und seine minutiöse Darstellung einer Wiener Milieustudie, auf der anderen Seite die Notwendigkeit, problematische Anspielungen und ideengeschichtliche Kontexte kritisch zu prüfen. Das Publikum setzte sich aus Fachleuten und einem breiteren literarisch interessierten Kreis zusammen, was das anhaltende Interesse an Doderer dokumentiert.
Die Referate machten deutlich, dass eine vollständige Einschätzung von Doderer nur gelingt, wenn literarische Qualität und historische Einordnung zugleich betrachtet werden. Die Tatsache, dass die endgültige Fassung von Die Dämonen 1956 in einer von Doderer überarbeiteten Form erschien, war dabei ein wichtiger Befund – zugleich betonten Vortragende, dass bereits frühere Entwürfe Hinweise auf problematische Haltungen enthalten.
Für die österreichische Kulturszene unterstreicht die Veranstaltung zwei Entwicklungen: Zum einen wächst das Interesse an literarischen „Klassikern“ der Moderne wieder, zum anderen zeigt sich, dass solche Rückfragen an Werke auch in der Öffentlichkeit Anklang finden. Ob dies zu einer breiteren Neubewertung Doderers führen wird, blieb auf der Tagung offen; die lebhafte Diskussion und die hohe Besucherzahl lassen aber auf anhaltende Debatten hoffen.
Die Heimito-von-Doderer-Gesellschaft, gegründet 1995 mit Sitz in Berlin, unterhält eine Wiener Filiale, die sich der Erforschung und Vermittlung des Werks des Autors widmet. Die Tagung in Wien reiht sich in eine Reihe von Veranstaltungen ein, die in den letzten Jahren die Wahrnehmung Doderers neu beleuchten.