Europa altert rascher als andere Regionen der Welt. Mit dieser älteren Bevölkerung steigt in vielen Ländern auch die Zahl der Menschen mit Demenz – eine Herausforderung für das Gesundheitswesen, die Gemeinden und Familien. Zwei sehr unterschiedliche Ansätze aus Deutschland und Frankreich illustrieren gegenwärtig, wie Pflege, Alltagsgestaltung und Selbstbestimmung bei fortgeschrittener Demenz gestaltet werden können.
Gammeloase: Autonomie trotz fortgeschrittener Erkrankung
In Marl (Nordrhein‑Westfalen) wurde eine Wohneinheit für Menschen mit weit fortgeschrittener Demenz geschaffen, die unter dem Begriff „Gammeloase" bekannt ist. Dort leben 14 Bewohnerinnen und Bewohner in einer Umgebung, die auf maximale Selbstbestimmung ausgelegt ist. Das Konzept geht bewusst Risiken ein: Routinen und Effizienz werden nicht an erste Stelle gesetzt, um den Bewohnern so viel Freiheit wie möglich zu lassen.
Für Angehörige und Betreuende bedeutet das mehr Flexibilität, zugleich aber auch erhöhte Anforderungen an Personal und Organisation. Die Idee dahinter ist, dass Menschen mit Demenz ihre Würde erhalten, wenn sie Entscheidungen treffen dürfen – auch wenn diese Entscheidungen von außen nicht immer als „optimal" beurteilt werden.
Village Landais Alzheimer: Orientierung durch Struktur
Im französischen Dax setzt das Village Landais Alzheimer auf das Gegenteil: Die Umgebung und der Tagesablauf sind bewusst so gestaltet, dass Orientierung, Aktivität und Sicherheit gefördert werden. Struktur und wiederkehrende Abläufe werden nicht als Einschränkung, sondern als unterstützender Rahmen verstanden, der Menschen mit Demenz Stabilität bietet.
Das Konzept betont, dass eine klar gestaltete Umgebung dazu beitragen kann, Verwirrung zu reduzieren und Lebensqualität zu erhalten, indem es Möglichkeiten für sinnvolle Beschäftigung sowie soziale Einbindung schafft.
Kein allgemeiner Königsweg
Die Gegenüberstellung macht deutlich: Es gibt nicht den einen richtigen Ansatz. Beide Modelle verfolgen dasselbe Ziel – die Würde der Betroffenen zu bewahren – unterscheiden sich jedoch grundlegend in der Frage, ob Würde eher durch größtmögliche Autonomie oder durch einen stabilisierenden, strukturierten Alltag erreicht wird.
Konsequenzen für Österreich lassen sich daraus ableiten, ohne auf ein Patentrezept zu pochen. Entscheidend ist, dass Planerinnen und Planer im Sozial‑ und Gesundheitsbereich, Gemeinden sowie Familien die Vielfalt der Bedürfnisse berücksichtigen und verschiedene Angebote schaffen.
- Individualisierte Angebote: Nicht alle Menschen mit Demenz profitieren gleich von Autonomie oder Struktur; bedarfsorientierte Angebote sind notwendig.
- Interdisziplinäre Teams: Pflege, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Sozialarbeiterinnen sollten gemeinsam Modelle umsetzen und laufend evaluieren.
- Ressourcen und Ausbildung: Mehr Personal mit spezieller Schulung ist nötig, besonders bei Konzepten, die erhöhte Freiheitsgrade zulassen.
| Aspekt | Gammeloase (Marl) | Village Landais (Dax) |
|---|---|---|
| Grundprinzip | Maximale Selbstbestimmung | Gestaltete Orientierung und Struktur |
| Bewohnerzahl (Beispiel) | 14 | nicht angegeben |
| Schwerpunkt | Freiheit und individuelle Entscheidungen | Sicherheit, Aktivität, wiederkehrende Abläufe |
Für die praktische Versorgung bedeuten diese Modelle: Gemeinden und Spitäler müssen abwägen, welches Angebot für welche Zielgruppe sinnvoll ist. Oft wird eine Mischung aus Elementen beider Konzepte die beste Lösung sein – etwa klare Tagesstrukturen, kombiniert mit Elementen, die persönliche Wahlfreiheit erlauben.
Schließlich ist die Frage nicht nur, wie lange Menschen leben, sondern wie sie leben können, wenn Erinnerungen und Orientierung schwinden. Die vorgestellten Ansätze zeigen praktische Wege, die Lebensqualität zu erhalten. Für Österreich gilt es, diese Erfahrungen kritisch zu prüfen und entsprechend an regionale Ressourcen, Finanzierung und Ausbildung anzupassen.
Eine nationale Strategie gegen die wachsende Zahl von Demenzerkrankungen sollte mehrere Modelle fördern, Evaluationen begleiten und den Austausch zwischen Ländern und Trägern ermöglichen. Nur so kann gewährleistet werden, dass Betroffene und ihre Angehörigen vielfältige, qualitativ hochwertige Wahlmöglichkeiten erhalten.