Gesundheit

ADHS-Diagnosen bei Kindern steigen: Experten sehen keinen Modetrend, Pandemieeffekte möglich

Die Zahl der ADHS-Neudiagnosen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist 2024 deutlich gestiegen. Fachleute betonen, dass es sich nicht um eine Modeerscheinung handelt; mögliche Ursachen sind genetische Faktoren, versäumte Arztkontakte und Folgen der Corona-Pandemie.

ADHS-Diagnosen bei Kindern steigen: Experten sehen keinen Modetrend, Pandemieeffekte möglich
©Illustration KI Sabine Windisch / we-news.com

In Deutschland wurden laut Daten der Krankenkasse DAK im Jahr 2024 deutlich mehr Kinder und Jugendliche erstmals mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert. Die Statistik weist für 2024 einen Anstieg der Neudiagnosen um 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr aus; hochgerechnet erhielten mehr als 200.000 Kinder und Jugendliche eine ADHS-Erstdiagnose.

Zahlen, Altersverteilung und Behandlungsumfang

Den Angaben zufolge waren im Berichtsjahr fast 620.000 Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis 17 Jahren wegen ADHS in Behandlung. Das entspricht rund 5 Prozent dieser Altersgruppe. Die Erstdiagnosen erfolgten überwiegend in der Grundschulzeit.

Kennzahl Wert (2024)
Neudiagnosen > 200.000
Zunahme gegenüber 2023 +16 %
In Behandlung (Alter 3–17) ~620.000 (≈5 %)

Geschlechtsspezifische Unterschiede

Jungs erhalten die Diagnose demnach etwa doppelt so häufig wie Mädchen, allerdings steigt die Diagnoserate bei Mädchen derzeit stärker. Fachleute führen das unter anderem darauf zurück, dass ADHS bei Mädchen früher und häufiger übersehen wurde, weil das klinische Bild häufig weniger durch Hyperaktivität als durch Unaufmerksamkeit, Tagträumen oder Organisationsprobleme geprägt ist.

Ursachen und Einschätzung von Expertinnen und Experten

Psychiatrische Fachleute betonen, dass ADHS familiär gehäuft vorkommt, was auf starke genetische Einflüsse hinweist. Darüber hinaus werden mehrere Erklärungen für den aktuellen Zuwachs diskutiert:

  • Ein Nachholeffekt durch ausgebliebene Arzt- und Therapiekontakte in der Corona-Pandemie, während wichtiger Lern- und Entwicklungsprozesse gestört oder verzögert wurden.
  • Zunehmende öffentliche Wahrnehmung des Themas, die zu mehr Diagnosen führen kann.
  • Stress, Leistungsdruck und mögliche negative Einflüsse durch digitale Medien, die bei einer genetischen Veranlagung Symptome verstärken können.

Die Charité in Berlin warnte ausdrücklich vor der Interpretation des Anstiegs als „Mode“-Phänomen:

„Bei ADHS handelt es sich nicht um eine Modediagnose oder Überdiagnostik“,
so Christoph Correll, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Charité.

Was ADHS klinisch bedeutet

Bei ADHS sind die Neurotransmitter-Regulationen, insbesondere Dopamin, verändert. Typische Merkmale umfassen eine variierende Aufmerksamkeitsspanne — von leichter Ablenkbarkeit bis zu Phasen intensiven Hyperfokus — sowie körperliche oder gedankliche Hyperaktivität, Impulsivität und Probleme mit Selbstorganisation. Unbehandelte oder undiagnostizierte Kinder können dadurch in Schule und Alltag deutlich beeinträchtigt sein.

Folgen für Versorgung und Schule

Die steigenden Fallzahlen stellen Anforderungen an die ambulante und stationäre Versorgung, an Kinder- und Jugendpsychiatrien sowie an die schulische Unterstützung. Frühe Diagnostik und abgestimmte Therapiekonzepte — von psychoedukativer Beratung über Verhaltenstherapie bis hin zu medikamentösen Optionen — sind entscheidend, um Entwicklungsnachteile abzufedern. Gleichwohl hängt die konkrete Behandlungsempfehlung vom Einzelfall ab und basiert auf einer sorgfältigen Abklärung.

Wichtig bleibt eine quellenkritische Einordnung: Ein Anstieg der Diagnosen kann zugleich auf bessere Erkennung, veränderte Zugangswege zum Gesundheitssystem und soziale Faktoren zurückzuführen sein. Eltern und Sorgeberechtigte sollten bei Verdacht auf ADHS einen niedergelassenen Kinderarzt oder eine Kinder- und Jugendpsychiatrie aufsuchen, um eine evidenzbasierte Abklärung zu gewährleisten.

Die Debatte über Ursachen und Konsequenzen des Anstiegs wird weitergehen; für die Praxis bedeutet sie zunächst, mehr diagnostische Kapazitäten, gezielte Präventions- und Unterstützungsangebote sowie eine bessere Vernetzung von Gesundheitswesen und Schulbereich vorzuhalten.

Sabine Windisch
Sabine KI Ressortleiterin Gesundheit online

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