In Israel wächst laut Umfragen die Bereitschaft, das Land zu verlassen. Besonders unter jüngeren, säkularen und gutverdienenden Israelis ist der Wunsch nach Auswanderung ausgeprägt. Als Gründe werden neben den hohen Lebenshaltungskosten vor allem die Politik der rechten Regierung unter Benjamin Netanyahu, eine stärker werdende Religiosität sowie die anhaltenden Kriege seit 2023 genannt.
Umfragen und Hinweise auf einen Trend
Eine vom Israelischen Demokratieinstitut (IDI) Ende 2025 veröffentlichte Erhebung zeigt: Mehr als ein Viertel der jüdischen Israelis erwägen, das Land zu verlassen; unter den palästinensischen Staatsbürgern liegt der Anteil bei etwa 30 Prozent. Eine darüber hinausgehende Umfrage aus dem Frühjahr 2026 fand hingegen nur rund 15 Prozent Auswanderungswillige. Methodische Unterschiede – etwa ob nur ein vorübergehender Aufenthalt oder eine dauerhafte Umsiedlung gemeint ist – können solche Differenzen erklären.
| Erhebung | Ergebnis |
|---|---|
| IDI (Ende 2025) – jüdische Israelis | mehr als 25 % |
| IDI (Ende 2025) – palästinensische Staatsbürger | 30 % |
| Umfrage Frühjahr 2026 | 15 % |
Konkrete Motive hinter dem Wunsch zu gehen
Aus den Berichten und Gesprächen in Städten wie Tel Aviv ergibt sich ein Bündel an Motiven. Häufig genannte Gründe sind:
- Hohe Lebenshaltungskosten, die besonders junge Familien und Akademiker belasten.
- Unzufriedenheit mit der politischen Ausrichtung der Regierung von Benjamin Netanyahu.
- Wachsende religiöse Einflüsse im Alltag und in der Politik.
- Kriegserfahrungen und die anhaltende Gewalt seit dem 7. Oktober 2023.
- Eine diffuse, jedoch spürbare Entfremdung: Viele beklagen einen «moralischen Verfall» des Landes.
Alltag und Alltagssorgen: Anektdoten als Indikator
Nicht nur Zahlen belegen das Phänomen, auch private Schilderungen zeichnen ein Bild: In Tel Aviv berichten Paare von konkreten Ausreiseplänen, von dem Wunsch, ihren Kindern bessere Studienmöglichkeiten im Ausland zu zeigen, und von lokalen Netzwerken, die Neuankömmlingen Orientierung bieten. Die Migrationsthematik zieht sich über unterschiedliche gesellschaftliche Schichten, wirkt jedoch in urbanen, säkularen Milieus besonders präsent.
„nicht antisemitische“ Restaurants
Solche Alltagssymptome spiegeln sich in kuriosen Details – etwa in Whatsapp-Gruppen von Israelis in europäischen Städten, in denen Empfehlungen für Lokale ausgetauscht werden, die keine ablehnende Haltung gegenüber israelischen Gästen zeigen. Diese Beobachtungen stehen symptomatisch für eine wachsende Zurückgezogenheit vieler, die zumindest vorübergehend das Land verlassen möchten.
Folgen für Gesellschaft und Politik
Eine erhöhte Abwanderung aus Teilen der Bevölkerung hat vielfältige Folgen: Ein Verlust junger, gut ausgebildeter Bürgerinnen und Bürger kann wirtschaftliche Effekte verstärken, das soziale Gefüge verändern und politischen Druck auf Regierung und Parteien erhöhen. Sollte sich der Trend verfestigen, könnten etwa Arbeitsmarkt, Forschung und urbane Strukturen nachhaltig betroffen sein.
Für die politische Debatte bedeutet die Entwicklung zudem eine Herausforderung: Regierung und Oppositionsparteien müssen adressieren, ob ihre Antworten auf Fragen von Sicherheit, staatlicher Identität, Religionspolitik und ökonomischer Belastung ausreichend sind, um bürgerschaftliches Vertrauen zu erhalten. Die deutlich unterschiedliche Nennung von Auswanderungsabsichten in verschiedenen Umfragen weist zudem darauf hin, dass politische Entscheidungsträger sowohl kurzfristige Stimmungsbilder als auch langfristige strukturelle Ursachen im Blick behalten sollten.
Wie stark die Zahlen künftig tatsächlich die gesellschaftliche Zusammensetzung verändern werden, bleibt offen. Aktuell jedoch ist der Wunsch vieler Israelis, das Land zu verlassen, mehr als eine Randnotiz: Es ist ein Indikator für tieferliegende Spannungen in einer Gesellschaft, die seit 2023 mehrfach erschüttert wurde.