Die deutsche Industrie hat nach einer neuen Auswertung des Ifo-Instituts seit Anfang 2019 signifikant Arbeitsplätze eingebüßt. Ende 2025 lagen die Beschäftigungszahlen in der Industrie um 7,1 Prozent beziehungsweise 496.000 Stellen unter dem Niveau von Anfang 2019, teilte die Dresdner Niederlassung des Instituts mit. Zugleich wuchs der Dienstleistungssektor deutlich – ein Befund, den die Autoren als Ausdruck eines „verschärften Strukturwandels“ beschreiben.
Schwerpunktverluste in Kernbranchen
Der Rückgang betrifft nicht einzelne Nischen, sondern vor allem traditionelle deutsche Schlüsselindustrien. Die Autoindustrie und ihre Zulieferer bauten dem Bericht zufolge 123.500 Arbeitsplätze ab. Hersteller von Metallerzeugnissen reduzierten ihre Belegschaften um 115.600, und im Maschinenbau fielen 64.500 Stellen weg. Zusammen entfielen auf diese drei Sektoren rund 60 Prozent des gesamten Stellenabbaus in der Industrie.
„In fast allen Industriebranchen schrumpft die Beschäftigung, was eine Folge abnehmender Wettbewerbsfähigkeit insbesondere gegenüber China sein dürfte“, sagte der stellvertretende Leiter der Ifo-Niederlassung Dresden, Joachim Ragnitz.
Die Studie macht damit zentrale Strukturfragen deutlich: Während die Industrie an Gewicht verliert, entstehen viele neue Arbeitsplätze vor allem im Dienstleistungsbereich. Die Autoren sehen darin eine Verschiebung hin zu Bereichen mit geringerem Wachstumspotenzial für die Gesamtwirtschaft.
Wachsender Dienstleistungssektor und demografische Effekte
Nach Angaben des Ifo-Instituts nahm die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Dienstleistungssektor um rund 2,2 Millionen Stellen zu. Besonders stark wuchs die Beschäftigung im Gesundheitswesen (+391.000) sowie im Sozialwesen einschließlich Pflegeheimen (+357.000). Auch in der öffentlichen Verwaltung stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 329.000, wobei ein Teil des Zuwachses dadurch erklärbar sei, dass freiwerdende Beamtenstellen durch Angestellte ersetzt wurden.
Die Ifo-Forscher führen den Schub in Gesundheits- und Sozialdienstleistungen unter anderem auf die Alterung der Gesellschaft zurück. Diese Entwicklung verändere die Struktur des Arbeitsmarktes nachhaltig und stelle Politik und Unternehmen vor neue Herausforderungen.
Folgen für Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum
Die Autoren warnen, dass das Schrumpfen industrienaher Beschäftigung das gesamtwirtschaftliche Wachstumspotenzial dämpfen könnte. Sinkende Produktionskapazitäten und der Verlust von Know-how in Schlüsselindustrien würden die Position Deutschlands im internationalen Wettbewerb schwächen. Insbesondere der Wettbewerb mit chinesischen Unternehmen werde als ein entscheidender Faktor genannt.
Für Wirtschaftspolitik und Unternehmensstrategien folgt daraus ein Spannungsfeld: Wie viel staatliche Förderung und wie viele strukturelle Reformen sind nötig, um industrielle Kompetenz zu erhalten oder zurückzugewinnen, ohne gleichzeitig die Chancen der Dienstleistungsbereiche zu vernachlässigen? Die Studie liefert hierfür keine politischen Rezepte, macht aber die Dimension des Umbruchs deutlich.
- 496.000 weniger Industriearbeitsplätze Ende 2025 gegenüber Anfang 2019
- 123.500 verlorene Stellen in der Autoindustrie und bei Zulieferern
- 2,2 Millionen zusätzliche Jobs im Dienstleistungssektor
| Bereich | Beschäftigungsänderung (seit 2019) |
|---|---|
| Gesamt Industrie | - 496.000 (-7,1 %) |
| Autoindustrie + Zulieferer | - 123.500 |
| Metallerzeuger | - 115.600 |
| Maschinenbau | - 64.500 |
| Dienstleistungen gesamt | + 2,2 Mio. |
Die Ifo-Analyse wirft zugleich Fragen zur Qualifikation der Arbeitskräfte und zur regionalen Verteilung der Folgen auf: Verliert etwa der ostdeutsche Industriestandort überproportional, oder treffen die Rückgänge bundesweit ähnlich zu? Die Studie nennt diese Details nicht in allen Punkten; sie macht jedoch klar, dass ein bloßer Arbeitsplatzwechsel in andere Sektoren ohne begleitende Qualifizierungspolitik nicht zwangsläufig die Wettbewerbsfähigkeit stärkt.
Angesichts der Zahlen dürfte die Debatte um industrielle Förderung, Forschungsausgaben und Fachkräfteoffensiven an Dynamik gewinnen. Politik, Gewerkschaften und Unternehmen werden sich mit den Implikationen des dokumentierten Strukturwandels auseinandersetzen müssen, wenn das Ziel einer wettbewerbsfähigen und wachstumsfähigen Wirtschaft erhalten bleiben soll.