Das Bildungsministerium Vietnams hat mit dem offiziellen Schreiben Nr. 5208/BGDĐT-GDPT Leitlinien für das Schuljahr 2026–2027 vorgelegt. Im Zentrum stehen die Neuorganisation des Schulnetzes, die Betonung von MINT- und KI-Bildung sowie Massnahmen zur Sicherstellung der Schulpflicht und der Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung.
Klare Zielvorgaben zur Schulstruktur
Die Richtlinien verlangen eine fortlaufende Überprüfung und Umstrukturierung des Netzes von Schulen, Klassen, Zweigstellen und Schulstandorten. Ziel sei es, die Anzahl der öffentlichen allgemeinbildenden Einrichtungen signifikant zu reduzieren und gleichzeitig die Grösse der verbleibenden Schulen und Klassen zu erhöhen. Konkret nennt das Ministerium als Orientierungswerte eine Reduktion der Einrichtungen um mindestens 30 %, in Gebieten mit günstigen Bedingungen sogar um rund 50 % gegenüber dem Stand vom 1. Juli 2025.
Gleichzeitig mahnt das Ministerium, diese Reduktionsraten nicht mechanisch oder einheitlich auf alle Schulstufen und Regionen anzuwenden. In benachteiligten Regionen wie Gebieten mit ethnischen Minderheiten, Bergregionen, Grenzgebieten, Inseln und schwer zugänglichen Gebieten soll die Zusammenlegung von Schulen mit besonderer Sorgfalt geprüft werden.
Vorgaben zur räumlichen Anordnung und Organisationsform
Das Schreiben fordert ferner, dass Grund- und weiterführende Schulen innerhalb einer einzigen Gemeindeverwaltungseinheit so angeordnet werden, dass jede Gemeinde mindestens über eine Grundschule und eine weiterführende Schule verfügt. Ausdrücklich ausgeschlossen sind bestimmte Formen der Zusammenlegung: Vorschulen sollen nicht mit Grund- und weiterführenden Schulen fusioniert werden; ebenso sollen Grund- und weiterführende Schulen nicht mit Zentren für Weiterbildung oder Berufsbildungs- und Weiterbildungszentren zusammengelegt werden.
Schwerpunkt auf Lehrmethoden, Tests und Chancengleichheit
Neben der strukturellen Neuordnung legt das Ministerium Wert auf die Innovation von Lehrmethoden, Tests und Evaluationen. Die Kommunen sollen das allgemeine Bildungsprogramm umsetzen und dafür sorgen, dass die Schulpflicht und der gleichberechtigte Zugang zu Bildungsangeboten gewährleistet bleiben. Im Bereich der Fremdsprachenbildung betont das Dokument die Bedeutung lebendigen Unterrichts, etwa durch muttersprachliche Lehrpersonen, um den Schülern ein breites Wissensspektrum zu vermitteln.
Praktische und politische Folgen
Die vorgeschlagene Reduktion von Schulen zielt auf eine stärkere Zentralisierung und auf Effizienzgewinne durch grössere Einheiten. Solche Massnahmen können kurzfristig administrative Erleichterungen und Kostendruck vermindern, gleichzeitig bringen sie Herausforderungen mit sich:
- Veränderte Schulwege: Längere Wege für Schülerinnen und Schüler insbesondere in ländlichen oder gebirgigen Regionen;
- Regionale Ungleichheiten: Risiko, dass abgelegene oder ethnische Minderheiten benachteiligt werden, wenn Zusammenlegungen ohne ausreichende Infrastruktur und Transportlösungen umgesetzt werden;
- Qualitätssteuerung: Höhere Anforderungen an Personalplanung, Unterrichtsqualität und den Ausbau von Lehrangeboten, insbesondere in MINT und KI.
Das Ministerium weist selbst auf die Notwendigkeit hin, die Umstrukturierung kontextsensitiv zu planen. Die expliziten Ausnahmen für schwer zugängliche Gebiete und Minderheitenregionen zeigen, dass die politischen Entscheidungsträger die Balance zwischen Effizienz und Zugänglichkeit thematisieren.
| Massnahme | Konkreter Wert |
|---|---|
| Reduktion Anzahl Einrichtungen (allgemein) | mindestens 30 % |
| Reduktion Anzahl Einrichtungen (Gebiete mit günstigen Bedingungen) | circa 50 % |
Für die Praxis bedeutet das: Kommunen müssen ihr Schulnetz nach neuen Kriterien ausrichten, die Bevölkerungsverteilung, Verkehrsbedingungen und Anforderungen der Schulpflicht berücksichtigen. Gleichzeitig verlangt das Ministerium, dass die Umstrukturierung nicht in starren Mustern erfolgt.
Einordnung
Die Ausrichtung auf MINT- und KI-Bildung spiegelt einen internationalen Trend wider, der Kompetenzen in Naturwissenschaften, Technik, Informatik und Mathematik stärkt und digitale Fertigkeiten in den Vordergrund rückt. Die Kombination aus inhaltlicher Neuausrichtung und struktureller Konsolidierung ist ambitioniert und verlangt koordinierte Umsetzung auf kommunaler Ebene sowie Investitionen in Transport, Infrastruktur und Lehrpersonenfortbildung.
Die angekündigten Schritte bleiben in vielen Punkten operationalisierungsbedürftig: Wie sollen Transportlösungen für weiter entfernte Schulen aussehen? Welche finanziellen Mittel stehen für den Ausbau von MINT- und KI-Angeboten bereit? Wie werden die Auswirkungen auf marginalisierte Gruppen systematisch überwacht? Antworten auf diese Fragen werden zeigen, ob die Reformen tatsächlich Effizienzgewinne mit gleichbleibender oder verbesserter Bildungsqualität vereinen können.