Eine aktuelle Studie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) kommt zum Schluss, dass jüngere Jahrgänge zunehmend mehr Jahre in schlechter Gesundheit verbringen und damit mit grösserer Wahrscheinlichkeit kränker ins Rentenalter gelangen. Die Analyse basiert unter anderem auf Daten von mehr als 3 Millionen AOK-Versicherten und zeigt eine deutliche Diskrepanz zwischen steigender Lebenserwartung und der Entwicklung gesunder Lebensjahre.
Wichtigste Befunde
- Die Lebenserwartung steigt, doch die Zahl der Jahre in schlechter Gesundheit nimmt zu, insbesondere vor dem 44. Lebensjahr.
- Menschen mit höherem Bildungsniveau haben im Schnitt deutlich mehr gesunde Jahre als Personen mit tieferem Bildungsabschluss.
- Als mögliche Ursachen nennen die Forschenden eine Zunahme von Adipositas sowie belastende Veränderungen in der Arbeitswelt, etwa häufigere Jobwechsel und eine Verdichtung der Arbeit mit weniger Pausen.
Die Projektleiterin und Gesundheitsdemografin der MHH, Juliane Tetzlaff, fasst den Kernbefund zusammen:
„Insgesamt zeigt sich, dass die gesundheitliche Entwicklung oft nicht mit dem Anstieg der Lebensarbeitszeit Schritt hält.“
Kontext: Lebenserwartung steigt, Gesundheit nicht im gleichen Mass
Die Studie reiht sich ein in frühere Beobachtungen: Weltweit hat die Lebenserwartung seit 1990 um mehr als neun Jahre zugenommen — von im Schnitt 64,6 auf 73,8 Jahre. Diese Zunahme bedeutet jedoch nicht automatisch, dass Menschen länger gesund leben. Die MHH-Analyse legt nahe, dass gerade jüngere Erwerbsjahrgänge zunehmend mehr Jahre mit Krankheit erleben, was langfristig Folgen für Erwerbsfähigkeit, Produktivität und Sozialsysteme haben kann.
Ursachen und gesellschaftliche Folgen
Die Forschenden identifizieren mehrere erklärende Faktoren. Die Zunahme von Übergewicht und Adipositas erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und andere chronische Leiden. Parallel verändern sich Arbeitsbedingungen: Häufigere Arbeitgeberwechsel, Leistungsdruck und eine dichtere Arbeitsorganisation mit wenigen Erholungsphasen können die Gesundheit belasten.
Die Studie weist zudem auf soziale Ungleichheit hin: Bildung wirkt als Schutzfaktor. Personen mit höherer Bildung verfügen im Schnitt über mehr gesunde Lebensjahre als Menschen mit tieferem Bildungsstand. Damit ergeben sich politische Handlungsfelder in Prävention, Arbeitsgestaltung und Bildungsförderung.
Was bedeutet das für das Renten- und Gesundheitssystem?
Auch wenn die Studie auf deutsche Versicherungsdaten basiert, lassen sich die zentralen Schlussfolgerungen für wohlhabende Gesellschaften allgemein diskutieren: Wenn künftige Rentner mehr Jahre in eingeschränkter Gesundheit verbringen, wächst der Bedarf an Gesundheitsleistungen, Rehabilitation und Pflege. Gleichzeitig könnte die Erwerbsbeteiligung leiden, wenn Menschen früher aus dem Arbeitsleben ausscheiden.
Die Autorinnen und Autoren mahnen deshalb, Prävention und gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen zu stärken. Massnahmen könnten gezielte Programme gegen Adipositas, bessere Gestaltung von Arbeitszeitmodellen oder Bildungsangebote zur Förderung gesundheitlicher Ressourcen umfassen.
| Indikator | Wert (Quelle: Studie / Kontextangabe) |
|---|---|
| Lebenserwartung 1990 | 64,6 Jahre |
| Lebenserwartung aktuell (Durchschnitt) | 73,8 Jahre |
| Analysierte Versicherte (AOK-Daten) | mehr als 3 Millionen |
Die MHH-Studie liefert keine einfachen Lösungen, aber klare Hinweise für Politik und Arbeitgebende: Gesundheitsförderung muss früher ansetzen und strukturelle Faktoren wie Arbeitsbedingungen und Bildung stärker berücksichtigen. Ohne solche Anstrengungen droht eine Situation, in der die steigende Lebenserwartung von einer Zunahme an Krankheitsjahren begleitet wird — mit Folgen für Individuen, Arbeitgeber und Sozialsysteme.
Langfristige Strategien sollten deshalb Prävention, Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz und soziale Ungleichheit adressieren, um sicherzustellen, dass ein längeres Leben auch mit mehr gesunden Jahren einhergeht.