Fuenf Jahre nach der erneuten Machtuebernahme der Taliban ist die Zukunft für viele afghanische Mädchen in der Bildung weiter ungewiss. Seit 2022 sind Mädchen in Afghanistan systematisch von weiterführender Schulbildung ausgeschlossen; seither fehlt für rund 2,4 Millionen Mädchen der Zugang zu weiterführender Bildung, wie die UNESCO ermittelt hat. Eltern berichten von Verzweiflung, versteckten Unterrichtsangeboten und teuren privaten Lösungen.
Väter zwischen Widerstand und Angst
Viele Väter versuchen, trotz der offiziellen Verbote Möglichkeiten für die Ausbildung ihrer Töchter zu finden. Die Berichte zeigen, dass sie sich dabei in einem Spannungsfeld zwischen religiöser Legitimation durch die Regierung, sozialem Druck und dem Wunsch nach Perspektiven für ihre Kinder bewegen. Ein 32-jähriger Logistik-Mitarbeiter schildert, wie er mit der Ohnmacht umgeht:
„Ich verstecke mich und heule“,sagt er laut AFP, nachdem seine 13-jährige Tochter nicht mehr zur Schule darf.
Andere Familien organisieren privaten Unterricht, greifen auf heimliche Schulen zurück oder versuchen, Mädchen ins Ausland zu schicken. Solche Alternativen sind jedoch meist teuer, unsicher oder schlicht unmöglich. Die Grenze zu Pakistan etwa ist seit den Konflikten geschlossen, was Flucht- oder Austauschmöglichkeiten erschwert.
Finanzielle und rechtliche Hürden
Privatunterricht bleibt für viele Familien nur mit grossen finanziellen Aufwendungen realisierbar. Ein Vater fand laut AFP eine Privatschule, die neben religiösen Inhalten heimlich auch allgemeine Fächer anbietet; die Kosten für seine beiden Töchter betragen laut Bericht rund 10'000 Afghani pro Monat, was nach Angaben der Quelle etwa 130 Euro entspricht. Solche Angebote stehen unter dem Risiko von Kontrollen durch die Behörden; ein Abschlusszeugnis gibt es nicht und bei Entdeckung drohen Konsequenzen.
- Viele Väter sehen Bildung im Einklang mit religiösen Grundsätzen: „Im Koran werden Sie nirgends finden, dass Bildung nur Männern vorbehalten ist“, sagt ein befragter Arzt.
- Unabhängige staatliche Stellen antworten kaum auf Anfragen; die Taliban bezeichnen die Massnahmen als voruebergehend und berufen sich auf ihre Auslegung des islamischen Rechts.
- Die Risiken für Familien bei illegalem Unterricht reichen von Strafen bis zur Inhaftierung.
Öffentliche Meinung kontra Regierungspolitik
Die offizielle Verlautbarung der Taliban steht offenbar im Widerspruch zur Haltung vieler Afghaninnen und Afghanen. Eine UN-Umfrage aus dem Jahr 2025 zeigt, dass ein Grossteil der Männer — laut Bericht 95 Prozent in den Städten und 87 Prozent auf dem Land — weiterführende Bildung für Mädchen für wichtig hält. Diese Diskrepanz verweist auf eine gesellschaftliche Unterstützung für Bildung, die jedoch politisch nicht umgesetzt wird.
| Quelle | Angabe |
|---|---|
| UNESCO | 2,4 Millionen Mädchen ohne Zugang zu weiterführender Bildung seit 2021 |
| UN-Umfrage (2025) | 95 % (Städte), 87 % (Land) der Männer halten weiterführende Bildung für Mädchen für wichtig |
Eltern, die alternative Bildungswege suchen, handeln häufig aus Sorge um die Zukunft ihrer Töchter. Ein Vater, der seine Töchter weiterlernen lassen will, formuliert es so:
„Das Wichtigste ist, dass sie weiterlernen.“
Ausblick und Folgen
Der fortdauernde Ausschluss von Millionen Mädchen hat langfristige Konsequenzen für Bildungsstandards, wirtschaftliche Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe in Afghanistan. Ohne Abschlusszeugnisse und ohne formellen Zugang zu weiterführender Bildung sinken die Chancen auf qualifizierte Erwerbsarbeit, was die Abhängigkeit von informellen Einkommensquellen und die Armutsrisiken erhöht. Internationale Organisationen dokumentieren die Lage, doch eine politische Lösung oder ein System, das sichere und anerkannte Bildungswege wiederherstellt, ist nicht erkennbar.
Für Schweizer Entwicklungs- und Bildungspolitik stellt die Situation eine Herausforderung dar: Sie betrifft Grundrechte, die Rolle internationaler Hilfe und die Frage, wie Schutz- und Bildungsmassnahmen gezielt unterstützen können, ohne Familien zusätzlichen Risiken auszusetzen. Die Berichte aus Afghanistan zeigen: Wo staatliche Bildungswege versagen, entstehen private, teils illegale Nischen — getragen von Eltern und lokalen Akteuren, aber oft nicht nachhaltig oder sicher.