Fünf Jahre nach der Rückkehr der Taliban bilden kleine Frauenbetriebe in Afghanistan einen der seltenen wirtschaftlichen Hoffnungsschimmer. In Herat betreibt die 21-jährige Rukia Resai eine Seifenmanufaktur, die nicht nur für ihre Familie Einkommen bringt, sondern auch mehrere Angestellte beschäftigt. Solche Initiativen stehen jedoch in einem Umfeld wachsender Armut, knapper Hilfsgelder und eingeschränkter Rechte für Frauen.
Kleine Unternehmen als Lebensader
Rukia Resai formt rötliche Seifenstücke, die nach Safran, Kurkuma und Kräutern duften. Vor vier Jahren gründete sie die Manufaktur. Seitdem arbeiten regelmässig acht Angestellte für ihren Betrieb; bei hoher Nachfrage beschäftigt sie weitere Personen. Aus ihrer Perspektive hat sich die Situation der Familie durch die Arbeit deutlich verbessert.
«Insgesamt hat sich durch diese Arbeit die mentale Gesundheit unserer ganzen Familie verbessert»,sagt Resai.
Solche Firmen sind kein Einzelfall: Frauen gründen Kleinstbetriebe, schaffen informelle Arbeitsplätze und ermöglichen Angehörigen Einkommen. Gleichzeitig bleibt der volkswirtschaftliche Gesamtkontext besorgniserregend.
Humanitäre Lage und wirtschaftliche Rahmenbedingungen
Mit der Machtübernahme 2021 brach die afghanische Wirtschaft ein; internationale Finanzbeziehungen und Hilfsgelder verminderten sich erheblich. Die humanitäre Lage hat sich seither verschlechtert:
- Fast 40 Prozent der Bevölkerung könnten in den Wintermonaten akut von Ernährungsunsicherheit betroffen sein.
- Mindestens 3,7 Millionen Kleinkinder gelten als akut mangelernährt.
- Rund 3,9 Millionen Menschen sind in den vergangenen fünf Jahren aus Iran und Pakistan zurückgekehrt, teils freiwillig, teils unter Druck (UNHCR).
Die Weltbank weist darauf hin, dass das Bruttoinlandprodukt jüngst wiedergewachsen sei. Gleichzeitig sei das Pro-Kopf-Einkommen durch die starke Zuwanderung gesunken. Internationale Hilfsorganisationen bezeichnen ihre Programme oft als ‹Tropfen auf den heissen Stein› angesichts des Ausmasses der Not.
| Indikator | Angabe |
|---|---|
| Jahre seit Taliban-Rückkehr | 5 |
| Anteil Bevölkerung mit möglicher Ernährungsunsicherheit | ~40 % |
| Kleinkinder akut mangelernährt | 3,7 Mio. |
| Rückkehrer aus Iran und Pakistan (5 Jahre) | 3,9 Mio. |
Ein Tropfen auf den heissen Stein — und dennoch relevant
Die Erfahrungen einzelner Unternehmerinnen zeigen, wie lokale wirtschaftliche Aktivität unmittelbare soziale Wirkung entfalten kann: Einkommen stabilisieren Familien, schaffen Beschäftigung und stärken die psychische Gesundheit, wie der Bericht aus Herat nahelegt. Diese Effekte sind jedoch begrenzt. Kleinbetriebe können die strukturellen Probleme nicht ersetzen, die durch Isolation vom internationalen Finanzsystem, fehlende Hilfsgelder und massive Binnenmigration entstehen.
Vertreter von Hilfsorganisationen betonen daher den Bedarf an grösser angelegten Programmen. Ohne substantielle finanzielle Unterstützung und stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen bleibt die Lage vieler Afghaninnen und Afghanen prekär. Die lokale Unternehmensgründung durch Frauen liefert zwar konkrete Verbesserungen im Alltag, verschiebt aber strukturell nichts an der gesamtwirtschaftlichen Abwärtsentwicklung.
Für die internationale Gemeinschaft stellt sich die Frage, wie man kurzfristige Nothilfe mit einer längerfristigen ökonomischen Stabilisierung verbinden kann. Die Beispiele aus Herat zeigen, dass Fördermassnahmen, Marktzugang und sichere Rahmenbedingungen besonders wirksam sein könnten, wenn sie Frauen gezielt unterstützen und bestehende lokale Initiativen ergänzen.
Die wirtschaftliche Lage Afghanistans bleibt ambivalent: Kleine Frauenbetriebe leisten einen wichtigen Beitrag zur Resilienz vor Ort, können aber die massiven humanitären Probleme — von Unterernährung bis zu Millionen Rückkehrern — nicht lösen.