Die Debatte um die Wiener Kinder‑ und Jugendhilfe (MA 11) bekommt eine neue Facette: Laut Recherchen des KURIER gibt es seit Jahren sogenannte „Auszeit‑WG“-Modelle, bei denen jugendliche Intensivtäter für mehrere Wochen zu Reisezielen gebracht werden, die als touristische Traumziele gelten — namentlich die portugiesische Insel Madeira. Die Praxis sorgt intern und in Fachkreisen für Kritik und wirft Fragen nach Zweckbindung öffentlicher Mittel und pädagogischer Sinnhaftigkeit auf.
Vorbehalte aus der Praxis
Die MA 11 bestätigt grundsätzlich, dass es „Auslandsaufenthalte“ gebe und dass diese als pädagogisch notwendig eingeordnet würden. Kritiker aus dem Sozialarbeiter‑Bereich sehen das anders: Sie bemängeln die „schiefe Optik“ solcher Aufenthalte, wenn Jugendliche, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, den Eindruck erwecken könnten, für Fehlverhalten mit Reisen belohnt zu werden. Ein Informant aus der Branche bringt die Kritik pointiert auf den Punkt:
„Wenn man Kinder und Jugendliche aus der gewohnten Umgebung bringen will, kann es auch das Waldviertel, Kärnten oder Vorarlberg sein.“
Ein anderer Hinweisgeber zeigte sich überrascht über die lange Reisedistanz: Madeira liegt laut Recherchen rund 3.200 Kilometer von Wien entfernt. Für manche Fachleute sei nicht nachvollziehbar, warum gerade weit entfernte Auslandsziele gewählt werden.
Kosteinschätzung und Alternativen
In den Debatten wird auch auf die Kosten verwiesen. Die Betreuung minderjähriger Klientinnen und Klienten in Einrichtungen in und um Wien sei „extrem teuer“ und werde mit bis zu 2.000 Euro pro Tag und pro Person beziffert (Angabe in der Quelle mit dem Zusatz (sic!)). Das führe intern zu der Feststellung, manche Auslandsaufenthalte könnten unter Umständen günstiger sein als eine teure Unterbringung in Wien.
Für Kritiker rechtfertigt das jedoch nicht automatisch weit entfernte Flugreisen: Sie verweisen darauf, dass eine Distanz zum gewohnten Umfeld zur pädagogischen Wirkung beitragen könne, aber dafür auch nahegelegene Regionen in Österreich ausreichen würden.
Transparenz, Partnervereine und Vorwürfe
Laut den Recherchen laufen viele dieser Aufenthalte über Partnervereine und Wohngemeinschaften, mit denen die MA 11 kooperiert. In der Vergangenheit hat die MA 11 wiederholt negative Schlagzeilen wegen Vorwürfen wie Freunderlwirtschaft oder Missständen bei der Unterbringung bekommen; die neuen Erkenntnisse dürften die öffentliche Debatte weiter anheizen. Aus den Berichten geht hervor, dass die Sorge besteht, man wolle die Praxis nicht zu sehr beleuchten, „wegen der schiefen Optik“.
Was offen bleibt
Wesentliche Fragen bleiben unbeantwortet: Wie häufig und in welchem Umfang werden diese Auslandsaufenthalte durchgeführt? Welche vertraglichen Vereinbarungen bestehen mit Partnerorganisationen? Und welche pädagogischen Ziele rechtfertigen konkret die Wahl entfernter Ziele wie Madeira statt regionaler Angebote in Österreich? Die MA 11 betont in der bestätigenden Stellungnahme nur allgemein die Versuchung, solche Aufenthalte als pädagogisch notwendig einzuordnen; detaillierte Zahlen oder Fallbeispiele wurden von der Quelle nicht geliefert.
Konsequenzen für die Stadtpolitik
Das Thema berührt Politik und Verwaltung: Es geht um den verantwortungsvollen Einsatz von Steuermitteln, um die Kontrolle externer Partnerorganisationen und um das öffentliche Vertrauen in die Kinder‑ und Jugendhilfe. In Wien dürfte die Angelegenheit Fragen an die zuständigen Magistratsabteilungen und gegebenenfalls auch an die politischen Entscheidungsträger im Rathaus aufwerfen.
- Offen bleibt, wie viele Jugendliche betroffen sind und wie hoch die Gesamtkosten der Auslandsaufenthalte sind.
- Fachleute fordern transparente Kriterien für Einsatz und Auswahl von Reisezielen sowie eine Prüfung regionaler Alternativen.
- Die Kooperation mit Partnervereinen soll künftig verstärkt überprüft werden, fordern Kritiker.
| Aspekt | Angabe aus der Quelle |
|---|---|
| Ziel genannt | Madeira (Portugal) |
| Entfernung | rund 3.200 km |
| Vergleichskosten Betreuung | bis zu 2.000 Euro pro Tag und Person (Quelle: Recherchen) |
Für die Wiener Bezirke und Familien bedeutet die Debatte mehr als eine abstrakte Verwaltungskritik: Es geht um Vertrauen in die Hilfe für verletzliche Jugendliche, um die Legitimation von Ausgaben aus öffentlichen Mitteln und um die Frage, ob pädagogische Interventionen lokal sinnvoller und optisch weniger problematisch gestaltet werden können. Die MA 11 steht erneut im Scheinwerferlicht — die Stadtpolitik und die Magistratsführung haben nun die Aufgabe, Transparenz herzustellen und offene Fragen sachlich zu beantworten, damit die Debatte auf einer klaren Faktenbasis geführt werden kann.
Die Recherchegrundlage für diesen Beitrag bildet ein Bericht des KURIER, der die genannten Vorwürfe und Angaben zusammengetragen hat.