Stunden vor dem Ende seiner Amtszeit unterzeichnete Präsident Gustavo Petro die Resolution 0961 von 2026, mit der ein Gebiet von außergewöhnlicher Größe im kolumbianischen Amazonas-Biom unter Schutz gestellt wird. Die Maßnahme deklariert ein Gebiet, das 42 % des Festlandes von Kolumbien entspricht, als Reservat für erneuerbare natürliche Ressourcen und untersagt dort neue Bergbaukonzessionen, Exploration und Ausbeutung von Kohlenwasserstoffen sowie entsprechende Umweltlizenzen.
Umfang und rechtliche Wirkung
Die Resolution gilt für den Großteil des Amazonas-Bioms in Kolumbien und schützt nach Angaben der Regierung mehr als 80 % der Amazonas-Waldfläche des Landes. Konkret bedeutet dies ein sofortiges Verbot neuer Erschließungsverträge und Genehmigungen für Bergbau- und Erdölaktivitäten innerhalb des deklarierten Gebiets. Die Maßnahme begründet sich unter anderem mit dem Vorsichts- und Präventionsprinzip gegenüber kumulativen Umweltauswirkungen.
Ökologische und gesellschaftliche Begründung
Die Regierung weist darauf hin, dass sich das Dekret am Ziel orientiert, einen möglichen Kipppunkt des Amazonas zu verhindern — ein Zustand, in dem die Regenwaldregion ihre Regenerationsfähigkeit verlieren könnte. Das betroffene Amazonas-Biom umfasst einzigartige Ökosysteme, zahlreiche indigene Gemeinschaften und spielt eine zentrale Rolle für Wasserhaushalt, Klimastabilität und Biodiversität.
„Kolumbien ist das erste der acht Amazonas-Länder, das den Amazonas als unverzichtbare natürliche Infrastruktur für Wasser, Klimastabilität, Biodiversität und das kulturelle Überleben der Völker anerkennt.“
Diese Aussage stammt von der amtierenden Ministerin Irene Vélez Torres, die das Dekret als wegweisend für die Anerkennung des Amazonas als schützenswerte natürliche Infrastruktur darstellt.
Geografische Verteilung
Das kolumbianische Amazonas-Biom erstreckt sich über mehrere Departements. Nach Regierungsangaben sind folgende Gebiete vollständig bzw. teilweise betroffen:
- Vollständig betroffen: Caquetá, Putumayo, Amazonas, Guainía, Guaviare und Vaupés.
- Teilweise betroffen: Meta, Vichada, Cauca und Nariño.
| Kategorie | Departements |
|---|---|
| Vollständig | Caquetá, Putumayo, Amazonas, Guainía, Guaviare, Vaupés |
| Teilweise | Meta, Vichada, Cauca, Nariño |
Kontext: Schutzgebiete in Kolumbien
Kolumbien verfügt bereits über ein Netz geschützter Gebiete, darunter rund 60 Areale in Form von Nationalparks sowie private und regionale Reservate. Erwähnt werden in der Regierungsmitteilung unter anderem Tayrona, Amacayacu, Chiribiquete, Gorgona, Los Nevados und Otún Quimbaya. Die neue Resolution ergänzt dieses System, indem sie einen spezifischen, biombasierten Schutzstatus für den Amazonas etabliert, der sich ausdrücklich gegen neue Bergbau- und Erdölprojekte richtet.
Folgen und offene Fragen
Die Resolution setzt einen klaren rechtlichen Rahmen, der kurzfristig neue Explorations- und Ausbeutungsverträge ausschließt. Sie wirft jedoch Fragen zur Umsetzung auf: Wie werden bestehende Konventionen und wirtschaftliche Interessen mit dem neuen Schutzstatus in Einklang gebracht? Welche konkreten Mechanismen zur Kontrolle und Durchsetzung sind vorgesehen? Welche Rolle spielen indigene Selbstverwaltungen in der praktischen Umsetzung des Schutzes?
Die Bekanntgabe des Dekrets kurz vor dem Amtsende des Präsidenten macht zudem politisch deutlich, dass der Schritt als Teil einer bilanzierenden Agenda verstanden werden kann. International ist die Maßnahme relevant, weil Kolumbien damit vor anderen Amazonasstaaten einen rechtlichen Präzedenzfall setzt, indem es das Amazonas-Biom als eine Form von „natürlicher Infrastruktur“ anerkennt und weitreichende Einschränkungen für fossile Rohstoffprojekte verfügt.
Für Beobachterinnen und Beobachter bleibt entscheidend, wie die staatliche Verwaltung und die lokalen Gemeinschaften die Umsetzung konkret ausgestalten und wie juristische und wirtschaftliche Konflikte entschärft werden können, damit der Schutz nicht auf dem Papier stehen bleibt.