Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) hat den Kurs der Bundesregierung bei der Modernisierung der Bundeswehr scharf kritisiert und einen umfassenden Strategiewechsel verlangt. Moritz Schularick bemängelt, dass ein erheblicher Teil der verfügbaren Mittel weiterhin in traditionelle Waffensysteme wie Panzer und Fregatten fließe, statt in Technologien für die künftigen Gefechtsfelder zu investieren.
Mehr digitale und unbemannte Systeme statt veralteter Plattformen
Schularick verwies auf die verfügbaren Finanzmittel für die Bundeswehr und formulierte die Erwartung, diese gezielter einzusetzen. Nach seinen Angaben stehen für die Modernisierung bis 2030 rund 700 Milliarden Euro zur Verfügung. Er warnte davor, dass ein Großteil dieses Budgets verpuffen könne, wenn es überwiegend in konventionelle, weitgehend bemannte Systeme gesteckt werde.
Als Alternativen nannte der Ökonom insbesondere Künstliche Intelligenz (KI), Robotik, Drohnen und Satellitentechnik. Seine Begründung: Deutschland verfüge zwar über hohe Kapitalausstattung und industrielle Expertise, nicht jedoch über die Menschenmassen, die in großer Zahl als Besatzungen für klassische Plattformen eingesetzt werden könnten.
„Was wir nicht haben, sind Hunderttausende Menschen, die in Panzer steigen und an die Front fahren möchten.“
Schularick forderte deshalb eine stärkere Ausrichtung der Beschaffung auf unbemannte und automatisierte Systeme, wo immer dies möglich sei. Er argumentierte, dass bei richtiger Verwendung der Mittel zugleich wirtschaftliche Impulse für Wachstum zu erwarten seien.
Zentraler Beschaffungskoordinator im Kanzleramt
Ein Kernpunkt seiner Kritik betrifft die Organisationsstruktur der Beschaffung. Schularick hält ein einzelnes Ministerium für die Neuorganisation der deutschen und europäischen Verteidigungsstrategie für überfordert. Er sprach sich stattdessen für die Schaffung einer zentralen Koordinierungsinstanz im Kanzleramt aus, die mit politischer Durchschlagskraft die Zusammenarbeit von Industrie, Start-ups und Ressorts zusammenführt und Hemmnisse ausräumt.
Als mögliche Persönlichkeiten für eine solche Rolle nannte er Beispiele aus der Wirtschaft, etwa frühere Unternehmenschefs. Ziel sei ein koordinierender Akteur, der Beschaffungsprozesse bündelt und auf strategische Prioritäten ausrichtet.
- Vorhandene Mittel: rund 700 Milliarden Euro bis 2030
- Aktuelle Schwerpunktsetzung: Panzer, Fregatten und ähnliche bemannte Plattformen
- Vorgeschlagene Prioritäten: KI, Robotik, Drohnen, Satellitentechnik
Aus Sicht Schularicks reiche es nicht, einfach große Summen auszugeben und damit die Bestände aufzufüllen. Vielmehr müsse von vornherein berücksichtigt werden, wie die Investitionen langfristig wirken und welche technologischen Ausrichtungen künftig militärisch und wirtschaftlich sinnvoll seien.
Konsequenzen für Industrie und Politik
Die Forderungen des IfW-Präsidenten haben mehrere praktische Implikationen: Eine Fokussierung auf autonome Systeme würde Industrieumstellungen und gezielte Förderung von Forschung und Entwicklung erfordern. Zugleich müssten Beschaffungsprozesse deutlich beschleunigt und standardisiert werden, damit Innovationszyklen nicht an bürokratischen Hürden scheitern.
Schularicks Vorschlag eines Kanzleramtskoordinators zielt darauf ab, interministerielle Reibungsverluste zu reduzieren und die Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft effizienter zu gestalten. Eine solche Rolle würde politische Legitimation und Entscheidungsgewalt benötigen, um bestehende Zuständigkeitskonflikte zu überwinden.
Offen bleibt, wie Regierung und Verteidigungsministerium auf die Kritik reagieren. Die Debatte trifft auf ein politisches Umfeld, in dem Fragen nach Geschwindigkeit, Wirksamkeit und strategischer Ausrichtung von Rüstungsinvestitionen bereits zuvor kontrovers diskutiert wurden. Für Bürgerinnen und Bürger ist dabei relevant, wie Steuer- und Kreditmittel verwendet werden und welche Sicherheitsrisiken durch veraltete Technik bleiben.
| Aspekt | Aktueller Zustand | Schularicks Vorschlag |
|---|---|---|
| Finanzvolumen bis 2030 | Rund 700 Mrd. Euro | Zielgerichtete Investitionen |
| Technologische Ausrichtung | Schwerpunkt auf bemannten Plattformen | Priorität für unbemannte und digitale Systeme |
| Beschaffungssteuerung | Dezentrale Ministerialverantwortung | Zentraler Koordinator im Kanzleramt |
Die Debatte um die richtige Verteilung der Mittel wird somit nicht nur die Ausstattung der Streitkräfte bestimmen, sondern auch Auswirkungen auf Forschung, Industriepolitik und die deutsche Rolle in der europäischen Sicherheitspolitik haben.