In Berlin sind seit Anfang 2025 nach Angaben der Sozialverwaltung mehrere hundert Obdachlosencamps und ähnliche Lager geräumt worden. Die Zahlen, die das Sozialressort in einer Antwort auf eine schriftliche Anfrage der AfD-Abgeordneten Kristin Brinker vorlegte, zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Bezirken und offenbaren zugleich Lücken in der zentralen Erfassung.
Deutliche Unterschiede zwischen den Bezirken
Konkrete Zahlen nennen einzelne Bezirke: Im Bezirk Mitte waren es demnach rund 190 geräumte Camps, in Tempelhof‑Schöneberg 110, in Friedrichshain‑Kreuzberg 54 und in Pankow 14. In Marzahn‑Hellersdorf wurden zwei Zeltlager insgesamt dreimal geräumt; Steglitz‑Zehlendorf meldet eine Räumung. Andere Bezirke machten keine Angaben, weil es laut Antwort bislang keine einheitliche stadtweite Erfassung gibt.
| Bezirk | Gemeldete Räumungen |
|---|---|
| Mitte | ~190 |
| Tempelhof‑Schöneberg | 110 |
| Friedrichshain‑Kreuzberg | 54 |
| Pankow | 14 |
| Marzahn‑Hellersdorf | 2 Zeltlager, dreimal geräumt |
| Steglitz‑Zehlendorf | 1 Räumung |
Vorgehen: Hilfe zuerst, Räumung nach Einzelfallentscheidung
Aus der Antwort geht hervor, dass die Bezirke in der Regel zuerst Unterstützung anbieten und versuchen, Betroffene in Unterkünfte zu vermitteln. Ob ein Camp anschließend geräumt wird, entscheide sich häufig im Einzelfall. Maßgeblich seien unter anderem folgende Faktoren:
- Vorhandensein sensibler Orte in der Nähe, etwa Spielplätze oder Schulen
- Probleme mit Müll und Hygiene
- Beschwerden von Anwohnerinnen und Anwohnern
- Gefahren für die öffentliche Ordnung oder die Sicherheit
Die Bezirke berichten zudem, dass Beschwerden aus der Bevölkerung einen wesentlichen Auslöser für Eingriffe darstellen. Über die städtische Website und die App des Ordnungsamtes seien im Jahr 2025 rund 3.280 Meldungen in der Kategorie „Grünanlagen/Park - Campieren/Zelten“ eingegangen; für das laufende Jahr bis Ende April nannte die Behörde bisher etwa 780 Meldungen.
„Grünanlagen/Park - Campieren/Zelten“
Von kurzfristigen Lagern bis zu dauerhaften Camps
Laut Antwort bleiben Zelte an manchen Orten nur vorübergehend, an anderen Stellen haben sich dauerhafte Lager entwickelt. Als Beispiel wird die Lewishamstraße in Charlottenburg genannt, wo an manchen Tagen bis zu 15 Menschen schlafen. Solche dauerhaften Ansiedlungen stellen Bezirke und Sozialbehörden vor besondere Herausforderungen: Wo kurzfristig Hilfe möglich ist, reicht das Angebot oft nicht aus, um längere Verbleibe zu verhindern.
Fehlende zentrale Erfassung erschwert Übersicht
Die unterschiedliche Berichterstattung einzelner Bezirke hängt auch mit dem Fehlen einer einheitlichen, stadtweiten Statistik zusammen. Einige Bezirke konnten deshalb keine genauen Zahlen angeben. Die Folge: Die städtische Gesamtlage bleibt schwer quantifizierbar, und politische Debatten über Wohnungs- und Obdachlosenpolitik beruhen oft auf fragmentarischen Einblicken.
Praktische Folgen für Stadt und Anwohner
Für die Bürgerinnen und Bürger bedeuten die Räumungen einerseits sichtbare Eingriffe in den Stadtraum, andererseits wiederkehrende Debatten über Verfügbarkeit von Notunterkünften und Sozialarbeit. Die Bezirksämter stehen deshalb in einem Spannungsfeld: Sie müssen zum einen für Ordnung sorgen und sensible Orte schützen, zum anderen humane Lösungen für Menschen ohne Wohnung anbieten.
Die Antwort der Sozialverwaltung, die am 4. Juni veröffentlicht wurde, liefert wichtige Zahlen, lässt aber zentrale Fragen offen: Wie viele Betroffene konnten tatsächlich dauerhaft in Unterkünften untergebracht werden? Welche Strategien setzen die Bezirke bei wiederholt geräumten Lagern ein? Und wie lässt sich eine stadtweite Erfassung zügig organisieren?
Solange diese Fragen nicht befriedigend beantwortet sind, bleibt die Lage in Berlin ein Stück weit im Dunkeln: Viele Camps werden geräumt, viele Meldungen eingehen — aber eine klare, vergleichbare Gesamtübersicht fehlt. Für die betroffenen Menschen und die Nachbarschaften bleibt damit die Unsicherheit bestehen, ob Hilfe reicht oder erneut eine Räumung droht.
Ronny Schäfer, Korrespondent Berlin