Die Landesregierung in Wiesbaden plant eine Verkürzung des Vorbereitungsdienstes für angehende Lehrkräfte von derzeit 21 auf 18 Monate. Die Ankündigung hat in Hessen eine Debatte ausgelöst: Während die Landesregierung das Ziel nennt, den Berufseinstieg zu beschleunigen, warnt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen vor negativen Folgen für die Bildungsqualität und verweist auf bestehende Probleme wie Defizite bei Grundschülerinnen und Grundschülern sowie den Lehrkräftemangel.
GEW: Kürzung zum falschen Zeitpunkt
Thilo Hartmann, Vorsitzender der GEW Hessen, kritisierte die Pläne scharf und verband seine Einwände mit Ergebnissen internationaler Vergleiche. Er verwies auf Befunde, wonach Grundschülerinnen und -schüler in Deutschland in den Kernkompetenzen Lesen, Rechnen und Schreiben nicht ausreichend Sicherheit erzielen. Hartmann betonte zugleich, dass ein enger Zusammenhang zwischen dem Bildungsstand der Kinder und dem Einkommen der Eltern bestehe. Besonders problematisch sei die Lage in Bundesländern wie Hessen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, wo Lehrkräftemangel und angeblich unzureichende Ausbildung zusammenkämen.
„Kürzungen im hessischen Bildungssystem darf es nicht geben“,
forderte Hartmann nach Angaben der Gewerkschaft. Er appellierte an den Kultusminister, sich nicht an einzelnen Kennzahlen zu orientieren, sondern in einen breiten Austausch mit Schulen zu treten, um „gute Bildung für alle Schülerinnen und Schüler in Hessen tatsächlich herzustellen“.
Regierungsposition: Hessen sei stabil versorgt
Das Kultusministerium in Wiesbaden wies die Kritik zurück. Ein Sprecher bezeichnete die Darstellungen der GEW als „insgesamt irreführend“ und betonte, Hessen zähle zu den Ländern mit einer „absolut stabilen Unterrichtsversorgung und fundierter Lehrkräfteausbildung“. Die geplante Verkürzung diene laut Regierungsvorstellung dazu, den Übergang in den Schuldienst zu verkürzen und den Einstieg in den Lehrerberuf attraktiver und praktikabler zu machen.
Proteste und Reaktionen vor Ort
Gegen die Reformpläne formierte sich bereits Widerstand: In Marburg demonstrierten rund 300 Referendare, Ausbilder und Unterstützer gegen die geplante Verkürzung. Die Teilnehmerzahl und die Zusammensetzung der Protestierenden deuten nach Ansicht der GEW auf eine breite Sorge in der Ausbildungspraxis hin.
- Geplante Verkürzung: von 21 auf 18 Monate
- Protest in Marburg: rund 300 Teilnehmende
- Kritikpunkte: mögliche Einbußen bei Praxisphasen und Qualifikation
| Aspekt | Derzeit | Geplant |
|---|---|---|
| Dauer Vorbereitungsdienst | 21 Monate | 18 Monate |
| Bekannte Proteste | – | ~ 300 Teilnehmende in Marburg |
Worin liegen die strittigen Fragen?
Die Debatte dreht sich im Kern um zwei Fragen: Erstens, ob eine Verkürzung des Referendariats den nötigen Praxisanteil und die Qualität der Ausbildung sicherstellen kann; zweitens, ob eine schnellere Verfügbarkeit von Lehrkräften den bestehenden Mangel mildern kann, ohne Abstriche bei der Qualifikation zu machen. Die GEW befürchtet, dass durch eine Reduzierung der Ausbildungszeit wichtige Schulpraktika und vertiefende Ausbildungsinhalte verkürzt oder entfallen könnten. Das Ministerium betont hingegen die positiven Effekte für den Berufseinstieg.
Ausblick: Weitere Beratungen zu erwarten
Die Reformpläne gehören zu den bildungspolitischen Vorhaben der schwarz-roten Landesregierung. Ob und in welcher Form die Verkürzung umgesetzt wird, hängt von weiteren Beratungen innerhalb der Regierung und möglichen Vereinbarungen mit den Schulen und Ausbildungsinstitutionen ab. Die Proteste und die öffentliche Kritik der GEW könnten den Entscheidungsprozess beeinflussen oder Verhandlungen über Ausgleichsmaßnahmen wie veränderte inhaltliche Schwerpunkte und zusätzliche Qualifizierungsangebote anstoßen.
Für Lehramtsanwärterinnen und -anwärter in Hessen bleiben in den kommenden Wochen die konkreten Ausgestaltungen der Reform sowie die Frage zentral, wie Praxisphasen und betreuende Strukturen künftig erhalten oder angepasst werden. Auch Schulverwalterinnen und -verwalter sowie Schulleitungen werden aufmerksam verfolgen, ob die geplanten Änderungen Auswirkungen auf die Unterrichtsorganisation und die Personalplanung haben.
Die Landesregierung hat bislang keine detaillierten Angaben gemacht, wie gekürzte Zeitspannen pädagogisch aufgefangen werden sollen. Solche Details dürften in den anstehenden Fachgesprächen eine wichtige Rolle spielen.