In der Hamburger Finanzverwaltung klafft nach jüngsten Angaben eine erhebliche Personallücke, die nach Ansicht der Linken die Funktionsfähigkeit der Steuerkontrolle gefährdet. Im Fachbereich Betriebsprüfung waren zum Stichtag 30. Juni von 690 Planstellen nur 526 besetzt – fast jede vierte Stelle blieb unbesetzt. Insgesamt fehlten Ende Juni 249 Beschäftigte in der gesamten Behörde.
Deutlicher Rückgang bei Prüfquoten und Betriebsprüfungen
Die personellen Lücken spiegeln sich in deutlich niedrigeren Prüfquoten und einer sinkenden Zahl von Betriebsprüfungen wider. Nach Angaben des Senats lag die Prüfquote im Jahr 2025 bei 2,9 Prozent, in der ersten Jahreshälfte 2026 jedoch nur noch bei 0,92 Prozent. Die Zahl der überprüften Großbetriebe betrug im ersten Halbjahr 2026 438, zum Vergleich: im gesamten Jahr 2025 wurden 962 Großbetriebe geprüft, 2024 waren es 1.146.
| Zeitraum | Großbetriebs-Prüfungen |
|---|---|
| 2024 (gesamt) | 1.146 |
| 2025 (gesamt) | 962 |
| 2026 (erstes Halbjahr) | 438 |
Besonders betroffen: Umsatzsteuer-Sonderprüfungen und mittlere Betriebe
Die Situation ist in einigen Bereichen noch kritischer: Im Segment der Umsatzsteuersonderprüfung waren nach Senatsangaben rund 39 Prozent der Stellen unbesetzt. Auch bei den mittleren Betrieben ist die Zahl der Prüfungen deutlich gesunken: von 1.043 im Jahr 2024 auf 700 im Jahr 2025 und lediglich 232 in der ersten Hälfte 2026.
„In manchen Bereichen ist bald jede zweite Stelle nicht besetzt“, sagte David Stoop (Linke) der Deutschen Presse-Agentur. „Ein ordnungsgemäßer Steuervollzug ist unter solchen Bedingungen kaum noch möglich.“
Finanzielle Konsequenzen: Steuerrückstände in Millionenhöhe
Die Folgen der geringeren Prüfkapazitäten sind auch finanziell messbar: Zum Stichtag 30. Juni summierten sich die Steuerrückstände auf rund 1,23 Milliarden Euro. Den größten Anteil daran entfiel auf die Einkommensteuer mit knapp 350 Millionen Euro. Der Senat wies allerdings darauf hin, dass ein erheblicher Teil der Summe aus gestundeten Beträgen bestehe und derzeit nicht vollstreckbar sei.
Politischer Streit über Ursachen und Forderungen
Die Linke macht die Personalpolitik von Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) für die Entwicklung verantwortlich und spricht von einem drohenden Kollaps. David Stoop forderte mehr Prüfungen insbesondere bei Einkommensmillionären. Der Senat wies in seiner Antwort auf die Anfrage auf gestundete Forderungen hin, ohne die personalpolitischen Vorwürfe im Detail zu entkräften.
Für Bürgerinnen und Bürger bedeutet der Rückgang bei Prüfungen, dass mögliche Steuerausfälle künftig häufiger auf breitere Schultern verteilt werden könnten, weil nicht alle offenen Forderungen eingetrieben werden. Zudem steigt das Risiko, dass Unregelmäßigkeiten nicht frühzeitig erkannt werden. Für die Verwaltung selbst bedeuten fehlende Fachkräfte steigende Belastung für die verbliebenen Beschäftigten und potenziell längere Bearbeitungszeiten bei Prüfungen und Festsetzungen.
- 249 unbesetzte Stellen insgesamt in der Finanzverwaltung (Stichtag 30. Juni)
- Prüfquote sank von 2,9% (2025) auf 0,92% (erstes Halbjahr 2026)
- Steuerrückstände: rund 1,23 Milliarden Euro, davon knapp 350 Millionen Euro Einkommensteuer
Ob und wie die Hamburger Verwaltung die personellen Engpässe kurzfristig beseitigen kann, bleibt offen. Die Debatte zeigt jedoch, wie sensibel das System Steuerprüfung auf Personalentscheidungen reagiert – mit direkten Folgen für Einnahmen, Steuergerechtigkeit und das Vertrauen in staatliche Kontrollen.