An vielen Restaurants, Bars und Cafés an der kroatischen Adriaküste taucht beim Bezahlen mit Karte inzwischen vor dem eigentlichen Betrag eine Trinkgeld-Auswahl auf. Auf dem Display werden häufig fixe Vorschläge wie 10, 15 oder 20 Prozent angezeigt. Wer nichts geben möchte, muss aktiv eine Option ablehnen oder eine andere Eingabe suchen, was bei Gästen zunehmend für Unmut sorgt.
Warum die Auswahl stört
Reisende berichten, dass die Aufforderung am Terminal eine freiwillige Geste in eine öffentlich sichtbare Entscheidung verwandelt. Bedienende stehen oft neben dem Gerät, andere Gäste warten, und auf dem Display erscheinen teils hohe Prozentwerte. Die Situation führe dazu, dass Trinkgeld nicht mehr beiläufig, sondern unter Beobachtung und mit sozialem Druck entschieden werde.
Die Debatte wird in Kroatien als Streit über eine importierte, «amerikanisch» wirkende Trinkgeldkultur beschrieben.
Wachsender Anteil digital erfasster Trinkgelder
Die Zunahme digitalen Trinkgelds spiegelt sich in offiziellen Daten: Nach Angaben der kroatischen Steuerverwaltung wurden 2025 insgesamt 52,6 Millionen Euro an digital erfassten Trinkgeldern registriert. Das entspricht einem Anstieg von rund 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Erfasst wurden fast 13 Millionen Rechnungen mit Trinkgeld.
| Jahr | Erfasste Trinkgelder | Rechnungen mit Trinkgeld |
|---|---|---|
| 2025 | 52,6 Mio. Euro | ~13 Mio. |
Ein Teil dieses Anstiegs dürfte darauf zurückzuführen sein, dass Trinkgeld durch die neuen Fiskalisierungsregeln besser digital erfasst werden kann. Die Steuerverwaltung erklärt, dass Trinkgelder im Fiskalisierungssystem gemeldet werden können und pro Empfänger bis zu 3'600 Euro pro Jahr steuerfrei bleiben; darüber hinaus gelten steuerliche Pflichten.
Was Gäste wissen sollten
Für Schweizerinnen und Schweizer, die in Kroatien ferien, ergeben sich daraus einige praktische Hinweise:
- Trinkgeld bleibt grundsätzlich eine zusätzliche Anerkennung für guten Service und kein verpflichtender Posten der Rechnung.
- Wenn das Terminal voreingestellte Prozente anbietet, können Gäste die Trinkgeld-Option aktiv ablehnen oder den Betrag manuell anpassen.
- Wer sich unwohl fühlt, kann auch bar Trinkgeld geben – diese Form bleibt in vielen Fällen unauffälliger.
- Bei Unsicherheit empfiehlt es sich, kurz zu fragen, ob das Trinkgeld bereits in der Rechnung enthalten ist (Service charge) oder nicht.
Die digitalen Systeme verändern die Kultur des Trinkgeldgebens: Was früher unaufgeregt in bar überreicht wurde, wird heute oft sichtbar über das Terminal dokumentiert. Für manche Gäste entsteht dadurch eine unangenehme Beobachtungssituation, für andere erhöht die digitale Erfassung die Transparenz und Nachvollziehbarkeit.
Konsequenzen für Gastgeber und Behörden
Für Gastgeber bedeutet die Umstellung auf digitale Trinkgeldoptionen einerseits einen administrativen Vorteil: Trinkgelder lassen sich leichter erfassen und steuerlich korrekt behandeln. Andererseits riskieren Betriebe, Gäste zu verärgern, wenn die Auswahl am Terminal als Druck empfunden wird. Die kroatische öffentliche Debatte zeigt, dass die Frage der Gestaltung von Kartenterminals nicht nur technische, sondern auch kulturelle und kommunikative Aspekte berührt.
Für Reisende bleibt wichtig: Trinkgeld ist weiterhin üblich, besonders in Restaurants, doch es ist nicht obligatorisch. Wer seine Ferien in Kroatien plant, sollte sich auf die neue Situation einstellen und bei Bedarf bar Trinkgeld bereithalten oder die Terminaloption bewusst ablehnen.
Diese Entwicklung ist beispielhaft für einen grösseren Trend: Digitale Zahlungsprozesse verändern Alltagsrituale – beim Trinkgeld ebenso wie anderswo. Gäste, Gastgeber und Behörden sind gefordert, Wege zu finden, die Transparenz, Fairness und den respektvollen Umgang miteinander in Einklang bringen.