Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) kommt zu dem Schluss, dass staatliche Investitionen innerhalb der Europäischen Union deutlich wirkungsvoller sind als Steuersenkungen, wenn es darum geht, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Nach den Berechnungen der Forscher erhöht ein zusätzlicher Staatsfranken, in der Studie als 1 Euro eingesetzt, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im folgenden Jahr um etwa 1,3 bis 1,4 Euro. Demgegenüber bewirken Steuersenkungen von 1 Euro nur eine kurzfristige BIP-Steigerung von rund 0,2 bis 0,3 Euro.
Methodik und Bedeutung für den Euroraum
Die Untersuchung beschränkt sich auf Länder, in denen der Euro gesetzliches Zahlungsmittel ist. Diese Einschränkung ist zentral, weil die Autoren die Wirkungen staatlicher Fiskalpolitik unter den Bedingungen einer gemeinsamen Zentralbank — der Europäischen Zentralbank (EZB) — analysieren. Die Studie unterstellt, dass die Geldpolitik der EZB das Umfeld beeinflusst, in dem Fiskalimpulse greifen: In einer Währungsunion mit einheitlichem Leitzins wirken nationale fiskalische Maßnahmen anders als in Ländern mit eigener Geldpolitik.
Kurzfristige Effekte und Persistenz
Den Ergebnissen zufolge ist der Wachstumseffekt öffentlicher Investitionen besonders im ersten Jahr stark ausgeprägt. In den Folgejahren nehmen die zusätzlichen Effekte zwar ab, bleiben aber gemäss den DIW-Berechnungen weiterhin grösser als jene durch Steuersenkungen. Die Studie weist damit auf eine höhere Multiplikatorwirkung öffentlicher Ausgaben hin, insbesondere wenn diese in produktive Bereiche wie Infrastruktur investiert werden.
Politische Debatte und Kritik
Die Autoren verweisen damit auf einen zentralen Punkt der aktuellen wirtschaftspolitischen Debatte: Während linke Parteien häufig für erhöhte staatliche Investitionen plädieren, setzen konservative Kräfte oft auf Steuerentlastungen für Unternehmen und Haushalte. Die DIW-Studie liefert empirische Argumente zugunsten der Investitionspolitik. Allerdings gibt es in der Fachwelt auch kritische Stimmen, die an den Annahmen und Modellierungen der Studie zweifeln. Kritiker hinterfragen etwa die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf unterschiedliche nationale Kontexte innerhalb der Eurozone sowie die Annahmen zur Reaktion der Geldpolitik.
Konsequenzen für die Schweiz und die EU
Obschon die Untersuchung den Euroraum fokussiert, hat sie auch für die Schweiz Bedeutung: Die Debatte über die Wirksamkeit von Investitionen gegenüber Steuersenkungen betrifft auch hierzulande Fragen der Fiskalstrategie, der Infrastrukturfinanzierung und der langfristigen Wachstumsförderung. Für Länder innerhalb der Eurozone liefert die Studie ein Argument für koordinierte Investitionsprogramme, insbesondere in Zeiten niedriger Zinsen und schwachem Wachstum.
Die wichtigsten Zahlen auf einen Blick:
- Investitionsmultiplikator (1. Jahr): 1,3–1,4 (pro 1 Euro Staatsausgabe)
- Steuersenkungen (1. Jahr): 0,2–0,3 (pro 1 Euro Steuerausfall)
- Region: Länder mit Euro als gesetzlichem Zahlungsmittel
| Maßnahme | BIP-Effekt im 1. Jahr (pro 1 Euro) |
|---|---|
| Staatliche Investition | 1,3–1,4 |
| Steuersenkung | 0,2–0,3 |
Die Studie betont, dass öffentliche Investitionen nicht nur kurz- bis mittelfristig stärker wirken, sondern auch langfristige Erträge bringen können, etwa durch bessere Infrastruktur und höhere Produktivität. Gleichzeitig bleibt die konkrete Ausgestaltung von Investitionen entscheidend: Qualität, Timing und Zielrichtung der Ausgaben bestimmen, ob die prognostizierten Multiplikatoren tatsächlich realisiert werden können.
Für die politische Praxis bedeutet das Ergebnis: Wenn das Ziel die kurzfristige Stimulierung der Wirtschaft ist, bieten gezielte staatliche Ausgaben laut DIW effizientere Hebel als reine Steuerentlastungen. Vor diesem Hintergrund dürfte die Studie die Debatten in Deutschland und in anderen europäischen Staaten über Fiskalpolitik und Investitionsprogramme weiter befeuern.