Sven Regener legt nach rund 25 Jahren einen neuen Roman mit einer seiner bekanntesten Figuren vor: Frank Lehmann, Protagonist des Kultromans Herr Lehmann, tritt in „Frankie und Freddie“ erneut auf. Regener erzählt die Geschichte überwiegend an einem einzigen, winterlichen Tag in Berlin und verknüpft dabei lakonische Beobachtung mit einer präzisen Topographie der Stadt.
Handlungskern und Erzählform
Die Handlung konzentriert sich auf eine Mission: Frank soll seinen Bekannten Freddie vom Ku’damm abholen. Freddie war als Proband in einer pharmazeutischen Studie eingesetzt und hat wichtige Unterlagen — unter anderem einen Pass und ein Flugticket nach New York — in einem Hotelzimmer liegenlassen. Aus diesem einfachen Ausgangspunkt entwickelt Regener eine Reihe von Verwicklungen und Begegnungen, die quer durch die Stadt führen: von Kreuzberg nach Schöneberg, zum Glühweintrinken an den Breitscheidplatz in Charlottenburg und zurück mit U‑Bahn und Auto.
Ton, Figuren und literarische Verfahren
Regener bleibt seinem Stil treu: eine knapp gehaltene, lakonische Stimme, die präzise Alltagsbeobachtungen mit trockenem Witz koppelt. Charaktere aus früheren Romanen tauchen wieder auf — etwa der Objektkünstler H.R. Ledigt oder Erwin Kächele mit seinem „Café Einfall“ — wodurch sich ein vertrauter Kosmos ergibt, der langjährige Leserinnen und Leser sofort verankert. Die Beziehungen sind dabei weniger dramatisch als lebenspraktisch verwoben: Regener schildert Situationen und Dialoge wie dokumentarische Aufnahmen, ohne nostalgische Verklärung.
„In Berlin ist es 'superarschkalt', es schneit immer wieder heftig, am Ku’damm glitzert die Weihnachtsbeleuchtung.“
Sprachlich setzt der Autor auf ausgedehnte, gelegentlich verschachtelte Sätze, die dennoch eine präzise Rhythmik behalten. Diese Form verweist, wie Kritiker anmerken, auf Modelle großer Erzählliteratur: Der Roman spielt weitgehend an einem Tag — eine Struktur, die literarisch an James Joyces Ulysses erinnert, auf die Regener selbst wohl Bezug nimmt.
Stadt als Figur
Berlin fungiert nicht nur als Kulisse, sondern als eigenständige Figur: Die einzelnen Stadtteile bleiben mit ihren sozialen Atmosphären und Klangfarben erzählerischer Dreh- und Angelpunkt. Regener zeichnet ein Berlin, das noch nicht von gentrifizierten Routinen bestimmt ist; Kreuzberg wird als Raum beschrieben, in dem das Wort „Gentrifizierung” kaum vorkommt. Diese Milieuschilderung ist zugleich Historisierung und Erinnerungsarbeit: Es geht um das Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit, um den Wandel einer Stadt und die Beständigkeit persönlicher Bindungen.
Leserführung und thematische Tiefe
Der Plot bleibt bewusst sekundär; Regener interessiert sich vor allem für atmosphärische Verdichtungen, für die kleinen Katastrophen des Alltags und für die Art, wie Menschen einander stützen. Die Figur der Chrissie, die Tochter einer Besucherin aus Schwaben, und die wiederkehrenden Nebenfiguren geben der Erzählung Brechungen, die das erzählerische Gewicht von reiner Handlung weg und hin zu Charakterzeichnung und Stimmungsbild lenken.
- Form: Ein Tagesroman mit lakonischem Ton und längeren Satzkaskaden.
- Figuren: Bekannte Personen aus Regeners Universum kehren zurück; neue Verwicklungen um Freddie treiben die Handlung an.
- Stadt: Berlin als lebendiger, historisch gelagerter Schauplatz.
Für Leserinnen und Leser, die Regeners frühere Arbeiten schätzen, bietet „Frankie und Freddie” das Vertraute: dieselbe Mischung aus Milieukenntnis, ironischem Understatement und einer warmherzigen, manchmal schmerzhaften Beobachtung des Zwischenmenschlichen. Für Neulesende eröffnet der Roman ein dichtes Porträt eines besonderen Berlin‑Moments und eine Einführung in ein erzählerisches Universum, das sich über mehrere Bücher erstreckt.
| Aspekt | Charakteristik |
|---|---|
| Zeitraum | Ein Tag (winterlich, mit Schneefall) |
| Ort | Verschiedene Berliner Stadtteile (Kreuzberg, Schöneberg, Charlottenburg) |
| Erzählton | Lakonisch, lakonische Ironie, längere Sätze |
Insgesamt ist der Roman eine Rückkehr zu vertrauten Orten und Figuren, die Regener mit der Souveränität eines erfahrenen Erzähleurs verbindet. Die erzählerische Stärke liegt weniger in dramatischen Wendungen als in der präzisen Beobachtung von Alltagsmomenten und im feinen Gespür für Sprachrhythmus — Qualitäten, die Regener zu einem festen Bestandteil der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gemacht haben.