Das Koproduktionshaus brut Wien beginnt die Saison unter neuer Leitung: Mit dem polnischen Festivalmacher und Dramaturgen Tomasz Kireńczuk tritt eine Intendanz an, die erneut in einem stark von Übergangssituationen geprägten Jahr arbeitet. Nach der Räumung des Standorts in Wien-Brigittenau und mit der Zwischennutzung am Nordwestbahnhof steht der Umzug in die langfristig geplante Spielstätte in St. Marx weiterhin unter Vorbehalt.
Provisorien statt Planbarkeit
Die organisatorische Ausgangslage bleibt prekär: Erst 2027 soll der Neubau in St. Marx bezogen werden können, doch der konkrete Baufortschritt bestimmt weiterhin, wann Teile des Theaters tatsächlich spielbereit sind. Bis dahin setzt das brut auf ein Netzwerk aus provisorischen Spielstätten und auf eigens gemietete Räume in unmittelbarer Nähe zur Baustelle.
Geschäftsführerin Stephanie Höltschl betonte, dass der Einzug „abhängig vom Baufortschritt“ gestaffelt erfolgen werde. Um die Ungewissheit zu mildern, gelang es dem Haus, Räumlichkeiten neben der Baustelle in der Karl-Farkas-Gasse in Wien-Landstraße anzumieten. Dort eröffnet das neue „brut atelier“ als temporärer Produktions- und Probenort.
„Soft Opening“
Spielstätten und Kooperationspartner
Neben dem neuen Atelier bleibt das studio brut im 7. Bezirk als zentrale Innenstadt-Spielstätte erhalten. Außerdem sollen kleinere Formate im brut understage, einem Kellerraum des Übergangsquartiers, sowie in Partnerhäusern stattfinden. Das Haus nennt unter anderem das WUK, das Hotel am Brillantengrund und den Neuen Kunstverein Wien (NKW) als Spielorte, bis Teile des Theaters in St. Marx im Laufe des Frühlings bei einem „Soft Opening“ nach und nach bespielt werden können.
| Räumlichkeit | Funktion |
|---|---|
| brut atelier (Karl-Farkas-Gasse) | Produktion, Proben, Vorbereitung Umzug |
| studio brut (7. Bezirk) | Innenstadt-Spielstätte, Publikumstermine |
| brut understage (Keller) | Intime Präsentationen, experimentelle Formate |
Programmschwerpunkte und künstlerische Linie
Programatisch ändert sich wenig: Das Haus bleibt ein Forum für queere, dekoloniale und feministische Perspektiven. Ergänzt wird dies durch Arbeiten, die ökologische Herausforderungen reflektieren und dominante Narrative künstlerischer Praxis hinterfragen. Kireńczuk setzt damit die vorherige Linie fort, legt aber eigene Schwerpunkte in der kuratorischen Ausrichtung des Hauses.
Zur Eröffnungssaison bringt das brut am 16. Oktober die Uraufführung von Mzamo Nondlwana im studio brut: Die Performance „Waiting for fall“ thematisiert Ankunft, Abreise und Vertreibung — zentrale Motive der heurigen Spielzeit.
- Fokus: Ankunft, Abreise und Vertreibung sowie Transformation
- Temporäre Bespielung mehrerer Standorte in Wien
- „Soft Opening“ des St.-Marx-Hauses geplant, abhängig vom Baufortschritt
Stadtpolitische und praktische Folgen
Die wiederholte Phase der Übergangsorganisation hat mehrere Effekte: Künstlerische Teams müssen flexibel reagieren, Kooperationsnetzwerke in Wien werden gestärkt und das Publikum gewöhnt sich an dezentrale Zugänge. Für die Kulturförderung bedeutet dies eine dauerhafte Herausforderung bei Planung und Finanzierung — kurzfristige Mietlösungen und logistische Maßnahmen verursachen zusätzliche Kosten und administrative Lasten.
Für das Publikum heißt das konkret: Vor einem Theaterbesuch empfiehlt sich ein Blick auf die aktuelle Spielstätteninformation auf der Website des brut. Wegen der gestaffelten Bespielung können Termine und Orte kurzfristig variieren.
Blick nach vorne
Die Intendanz von Tomasz Kireńczuk startet in ein Jahr, das von Improvisation und Experiment geprägt sein wird. Die künstlerische Adresse bleibt klar: Das brut will Räume bieten, in denen marginalisierte Perspektiven und drängende gesellschaftliche Fragen verhandelt werden. Ob und wie schnell das neue Haus in St. Marx zum fixen kulturellen Standort wird, entscheidet sich am Baufortschritt — bis dahin bleibt Wien ein Flickenteppich an Spielstätten, in dem das brut versucht, Kontinuität herzustellen.
Hinweis für Interessierte: Aktuelle Informationen zu Spielstätten und Terminen sind auf der Website des brut Wien abrufbar; Änderungen wegen Baufortschritt sind möglich.