Der Komponist und Schallkünstler Peter Androsch hat unter dem Titel „Gusen Convolute“ ein Projekt vorgelegt, das beim Festival Walk der Ars Electronica 2026 in Linz präsentiert wird. Gegenstand sind Lieder und Notenhandschriften, die von polnischen Komponistinnen und Komponisten im Konzentrationslager Gusen entstanden sind – vielfach heimlich zwischen 1939 und 1945.
Künstlerische Annäherung statt Rekonstruktion
Androsch und sein Team haben die vorhandenen Manuskripte nicht im Sinne einer originalgetreuen Wiederherstellung neu vertont. Vielmehr entstanden audiovisuelle «Reflexionen», also zeitgenössische Neukompositionen und Videoarbeiten, die sich mit der Mehrdeutigkeit der Notenschrift beschäftigen und versuchen, den Urheberinnen und Urhebern gerecht zu werden. Bei der Linzer Präsentation werden neben den Videowerken auch Originalmanuskripte gezeigt.
„Das gibt uns die totale Freiheit und ist wesentlich für uns“,
betont Androsch in einem APA-Gespräch zur Finanzierungsstruktur; zudem sagt er, ein Rückgriff auf das Original käme einer Anmaßung gleich. Die Produktion ist nach seinen Angaben privat finanziert und wurde großteils durch ehrenamtliche Mitarbeit getragen.
Bestände, Sichtbarkeit, Onlinezugang
Viele der Originalhandschriften aus Gusen werden im US Holocaust Memorial Museum in Washington aufbewahrt. Androsch macht Teile der Quellen digital zugänglich: Neben den 20 geplanten Audio-Video-Werken, die bis Ende 2026 online sein sollen, stehen auf der Projektwebseite Scans der Originale, weitere Manuskripte und Biografien zur Verfügung. Eine offene Lizenz soll es Dritten ermöglichen, mit dem Material zu arbeiten.
- 11 der entstandenen Videowerke werden in der Fadingerschule im Zuge der Ars Electronica gezeigt.
- 20 Audio‑Video‑Arbeiten sollen bis Ende 2026 online zugänglich sein.
- Originalhandschriften lagern unter anderem im US Holocaust Memorial Museum.
Kontext: Gusen in der Erinnerung
Zwischen 1939 und 1945 waren in Gusen nach bisherigen Angaben mindestens 72.000 Personen inhaftiert; etwa die Hälfte von ihnen kam dort zu Tode. Das Lager war Teil des Konzentrationslagersystems und zeichnete sich durch besonders brutale Bedingungen aus. In Gusen verfolgten die Nationalsozialisten unter anderem das Ziel, polnische Intellektuelle und damit auch musikalische Kräfte zu zerstören; deshalb waren überproportional viele polnische Musikerinnen und Musiker in den Lagern interniert.
Vor diesem historischen Hintergrund verfolgt „Gusen Convolute“ eine doppelte Absicht: Zum einen dokumentarisch und quellenorientiert verfügbar zu machen, was bislang oft nur als Archivgut existiert; zum anderen künstlerisch zu antworten, ohne die Originale zu imitieren oder zu idealisieren. Androsch spricht von einem Anliegen, die Werke «zum Leben zu bringen» statt ein weiteres Museum oder ein rein konservatorisches Archiv zu schaffen.
| Aspekt | Angabe |
|---|---|
| Inhaftierte in Gusen (1939–1945) | mind. 72.000 |
| Anteil Gestorbener | etwa 50 % |
| Videowerke bei Ars Electronica | 11 |
| Geplante Onlinewerke bis Ende 2026 | 20 |
Die Präsentation in Linz ist somit mehr als eine Festivalstation: Sie verknüpft lokale Erinnerungskultur mit internationaler Archivpraxis und digitaler Vermittlung. Die Initiative stellt zugleich Fragen an den Umgang mit verflochtenen Erzählungen von Leid, Kunst und Überlieferung — und an die Grenzen, die bei der künstlerischen Auseinandersetzung mit Opferzeugnissen respektiert werden müssen.
Für die nähere Zukunft plant das Projekt neben klassischen Ausstellungen auch Diskussionen und Filmabende; die Bandbreite möglicher Präsentationsformen soll die Stimmen der Urheberinnen und Urheber, so gut es geht, hörbar und sichtbar machen.