In den Vereinigten Staaten ist nach Angaben von Fachleuten ein umfangreiches Kapitel zur Klimawissenschaft aus einem führenden Handbuch für Richter entfernt worden. Das Werk, das Richter beim Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen unterstützen soll, erschien Ende 2025 in seiner vierten Auflage und enthielt erstmals ein knapp 100 Seiten starkes Kapitel über Klima, Klimamodelle und die Rolle der Attributionsforschung. Nach politischem Druck wurde dieser Beitrag jedoch wieder gestrichen.
Was ist das Handbuch und warum ist es wichtig?
Das "Reference Manual on Scientific Evidence" wird vom Federal Judicial Center (FJC), der Forschungs- und Fortbildungseinrichtung der US-Bundesjustiz, herausgegeben und gilt seit 1994 als Standardwerk für Richter beim Bewertung wissenschaftlicher Gutachten. Laut Angaben der Autoren der jüngsten Ausgabe wurde das Werk bislang mehr als 1.300-mal von Gerichten zitiert. Es bietet Orientierung zu Fächern wie Epidemiologie, Toxikologie und Neurowissenschaften und soll sicherstellen, dass Gerichtsentscheidungen auf solider wissenschaftlicher Grundlage beruhen.
Worum ging es im Klimakapitel?
Das nun entfernte Kapitel war von der Juristin und Klimaexpertin Jessica Wentz und dem Klimaforscher Radley Horton verfasst, beide von der Columbia University. Es erklärte zentrale Elemente des Treibhauseffekts, die Funktionsweise von Klimamodellen und Methoden, mit denen Forschende den menschlichen Einfluss auf Erwärmung und Extremwetterereignisse quantifizieren. Ein Schwerpunkt war die sogenannte Attributionsforschung, die in Rechtsverfahren zunehmend an Bedeutung gewinnt, weil sie hilft, Emissionen und Klimafolgen bestimmten Verursacherinnen und Verursachern zuzuschreiben.
Politischer Druck und die Folgen für Verfahren
Die Streichung erfolgte laut Berichten nach politischem Druck. Beobachter warnen, dass dadurch Richterinnen und Richter weniger gut gerüstet sein könnten, wissenschaftliche Beweislagen in komplexen Klima‑ oder Umweltsachen zu bewerten. Das hat konkrete Bedeutung für die Vielzahl an Verfahren in den USA, in denen Bundesstaaten und Städte Klagen gegen Öl‑ und Gaskonzerne führen.
- Das Handbuch wurde seit 1994 herausgegeben und dient als Leitfaden für Richter.
- Die vierte Auflage enthielt erstmals ein fast 100-seitiges Kapitel zur Klimawissenschaft.
- Das Werk ist bislang mehr als 1.300-mal zitiert worden.
„And Yet It Warms.“
Unter diesem Titel kommentierte der US-Bundesrichter Jed Rakoff in der New York Review of Books den Vorgang und spielte damit auf Galileo an. Rakoff macht mit seinem Beitrag auf die Spannungen aufmerksam, die entstehen, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse in politisch hochumkämpfte Rechtsstreitigkeiten hineinwirken.
Kontext und mögliche Konsequenzen
Die Debatte berührt grundlegende Fragen des Rechtsstaats: Wie können Gerichte verlässlich zwischen belastbaren wissenschaftlichen Methoden und politisch motivierter Desinformation unterscheiden? Wenn Richterinnen und Richter auf Standardwerke verzichten müssen, könnte das zu uneinheitlicheren Entscheidungen führen — gerade in Fällen, die komplexe naturwissenschaftliche Evidenz erfordern.
Für Klägerinnen und Kläger in Verfahren gegen Unternehmen bedeutet dies potenziell höhere Hürden bei der Darstellung kausaler Zusammenhänge zwischen Emissionen und konkreten Schäden. Die Attributionsforschung, die zunehmend in solchen Verfahren verwendet wird, bietet methodische Ansätze, um einzelne Schadensereignisse oder langfristige Effekte einem Emittenten zuzurechnen. Ohne leicht zugängliche, fachlich fundierte Leitfäden könnten Richterinnen und Richter Schwierigkeiten haben, diese Methoden angemessen zu würdigen.
Gleichzeitig zeigt der Fall, wie verwundbar gerichtsnahe Bildungs‑ und Forschungsinstitutionen gegenüber politischem Einfluss sein können. Für Rechtsstaat und Wissenschaftsvermittlung bleibt damit die Frage offen, welche Mechanismen nötig sind, um die Unabhängigkeit von Leitlinien zu sichern — besonders wenn sie in Verfahren mit hoher politischer Sprengkraft zur Anwendung kommen.
Der Vorgang in den USA dürfte auch in europäischen Rechtskreisen beachtet werden: Die Art und Weise, wie Gerichte mit wissenschaftlicher Evidenz umgehen, beeinflusst nicht nur nationale Entscheidungen, sondern setzt Standards, die grenzüberschreitend Wirkung entfalten können.