Historische Spurensuche als Computerspiel
In Hanau entsteht derzeit ein ungewöhnliches Projekt zur Erinnerungskultur: Die einstige Judengasse an der Nordstraße, die durch den Bombenangriff im März 1945 weitgehend zerstört wurde, wird als virtuelle Szenerie zugänglich gemacht. Unter dem Titel „Echoes of Hanau“ rekonstruieren Entwicklerinnen und Entwickler den Straßenzug um das Jahr 1900 und setzen ihn in ein Mystery-Adventure um.
Initiatoren sind neben der jüdischen Gemeinde Hanaus der Verein Makers, der sich der beruflichen Orientierung Jugendlicher widmet, sowie Lehrende und Schüler von Hanauer Schulen. Begleitende historische Arbeit lieferten die Hanauer Historikerin Iris Lach und Quellen aus Museen und Sammlungen. Das Spiel verspricht keine reine Wissensvermittlung, sondern ein spielerisches Eintauchen in Alltag und Räume der Nordstraße zur Jahrhundertwende.
„Kein Lernspiel habe man geplant, sondern ein richtiges Game“, heißt es von Seiten der Projektverantwortlichen.
Quellenarbeit und lokale Beteiligung
Für die Authentizität der Rekonstruktion nutzte das Team eine Vielzahl überlieferter Materialien. Neben alten Karten und Fotografien dienten auch Gemälde des Hanauer Künstlers Moritz Daniel Oppenheim als visuelle Vorlage. Oppenheim, 1800 in Hanau geboren, hielt Szenen aus dem Ghetto in seinen Arbeiten fest und bietet damit einen lokalspezifischen Blick auf das frühere Viertel.
Schülerinnen und Schüler des Karl-Rehbein-Gymnasiums und der beruflichen Eugen-Kaiser-Schule waren aktiv in den Recherche- und Produktionsprozess eingebunden. Sie erstellten Modelle, entwickelten Figuren und testeten Spielabläufe. Diese Einbindung lokaler Schulen verbindet historisches Lernen mit digitalen Kompetenzen und beruflicher Orientierung.
Technik, Modellbau und Denkmalarbeit
Die technische Umsetzung gründet auf präziser Datenerhebung: CAD-Daten, die für die Spielszenerie benutzt werden, stammen vom Hanauer Designer Philipp Lach. Aus Archivmaterial gewann er Informationen, mit denen er bereits für das Denkmal an der Nordstraße ein Modell der Häuser im 3D-Druck anfertigte. Teile der ursprünglichen Ghettomauer sind heute noch vorhanden, ein Mahnmal gegenüber der ehemaligen Synagoge erinnert vor Ort an die Geschichte.
- Projektname: Echoes of Hanau
- Szenischer Zeitraum: um 1900
- Schwerpunkt: Mystery-Adventure mit historischer Basis
Die Entwickler betonen, dass umfangreiche Recherchen die Grundlage für die digitalen Nachbildungen bilden. Die Kombination aus künstlerischen Quellen, amtlichen Akten und lokalem Wissensschatz soll eine möglichst realistische Atmosphäre schaffen und zugleich Raum für spielerische Erzählung lassen.
Erinnerung, Bildung und Perspektiven für Hanau
Für Hanau eröffnet das Projekt mehrere Ebenen: Historisch beleuchtet es ein verdrängtes Kapitel der Stadtgeschichte, technisch fördert es Kompetenzen in Design und Digitalisierung, und pädagogisch bietet es jungen Menschen einen praktischen Zugang zu Erinnerungskultur. Die sichtbaren Reste an der Nordstraße – Mauerfragmente und das Mahnmal – bleiben dabei physische Ankerpunkte, die durch die virtuelle Rekonstruktion ergänzt werden.
Ob das Spiel ausschließlich lokal oder darüber hinaus veröffentlicht wird, und in welchem Umfang die Endversion historische Informationen begleitend bereitstellt, ist in den vorliegenden Materialien nicht näher ausgeführt. Klar ist jedoch: Das Vorhaben verbindet engagierte lokale Akteurinnen und Akteure aus Kultur, Bildungsarbeit und Zivilgesellschaft, um die Geschichte eines städtischen Ortes digital erlebbar zu machen.
| Beteiligte | Rolle |
|---|---|
| Jüdische Gemeinde Hanaus | Initiative, fachliche Begleitung |
| Verein Makers | Projektkoordination, Jugendförderung |
| Karl-Rehbein-Gymnasium, Eugen-Kaiser-Schule | Recherche, Modellbau, Tests |
| Iris Lach | Historische Beratung |
| Philipp Lach | CAD-Daten, 3D-Modell für Denkmal |
Das Projekt zeigt, wie digitale Medien in der lokalen Erinnerungsarbeit eingesetzt werden können, ohne den Anspruch historischer Fundierung aus den Augen zu verlieren. Für Hanau bedeutet dies eine zusätzliche Möglichkeit, die Geschichte der Nordstraße und ihrer jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner sicht- und erlebbar zu halten.