Marokko verzeichnet ein solides Wirtschaftswachstum von rund 4 Prozent. Doch der Aufschwung führt nicht automatisch zu Perspektiven für grosse Teile der jungen Bevölkerung. Die Maghreb-Expertin Isabelle Werenfels von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) skizziert die Gründe für das paradoxe Bild: Wachstumsimpulse kommen vor allem aus kapitalintensiven Grossprojekten und begünstigen eine eng begrenzte, bereits privilegierte Schicht.
Wachstumsbereiche bleiben arbeitsintensiven Segmenten oft fern
Werenfels erklärt, dass das aktuelle Wachstumsschwerpunkt klar erkennbar ist: Es sei hauptsächlich der Bau- und Infrastrukturbereich, der boomt. Diesen Schub nähmen staatlich und privat finanzierte Grossprojekte wahr, etwa im Zusammenhang mit Sportinfrastruktur und Verkehrsprojekten. Zudem habe Marokko in den vergangenen Jahren eine spürbare Industrialisierung erlebt: Die Automobilproduktion und die Zulieferindustrie hätten an Bedeutung gewonnen, der Export von Phosphat und Düngemitteln, Aufbau einer Rüstungsindustrie und Aktivitäten im Tech-Sektor verstärkten die industrielle Basis.
- Bau und Infrastruktur: Motor für das derzeitige Wachstum.
- Automobilindustrie: Wachsende Produktion und Zulieferketten.
- Rohstoffe: Phosphat- und Düngemittelexporte bleiben wichtig.
- Tourismus: Marokko ist in Afrika an der Spitze.
Diese Sektoren generieren zwar Wertschöpfung, schaffen aber nicht in dem Mass neue, nachhaltige Arbeitsplätze, die der grossen Zahl gut ausgebildeter Jugendlicher entsprechen. Das Resultat: Viele junge Menschen sehen trotz wirtschaftlicher Kennzahlen keine persönlichen Perspektiven und erwägen die Auswanderung.
Ungleiche Verteilung der Gewinne
Werenfels beschreibt Marokko als Gesellschaft mit «zwei Entwicklungsgeschwindigkeiten». Ein globalisierter, palastnaher Kreis von Unternehmern und eine aufstrebende Mittelklasse profitieren vom Aufschwung. Demgegenüber stehen grosse Landesteile, vor allem ländliche Regionen, die wirtschaftlich abgehängt sind. Dort sind Analphabetismusraten hoch und Einkommen in der Landwirtschaft niedrig. Die räumliche und soziale Ungleichheit bleibt damit gross.
„Es gibt globalisierte Eliten und eine obere Mittelklasse, die von diesen Infrastrukturprojekten profitieren.“
Zudem wirkt das Bildungsangebot als Hemmnis für die Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen. Die SWP-Expertin weist auf ein Missverhältnis zwischen den Abschlüssen hin: Es würden zu viele Hochschulabgängerinnen und -abgänger ausgebildet, während es an Fachkräften mangele. Dieses Ungleichgewicht erschwere den Übergang von Ausbildung zu passenden Jobs. Infolge des Wachstums entstünden zwar neue Arbeitsplätze, doch nicht in der Zahl und Qualität, die nötig wäre, um die Jugendarbeitslosigkeit deutlich zu senken.
Politische und wirtschaftliche Folgen
Die Kombination aus kapitalintensivem Wachstum, ungleicher Verteilung und Fehlanpassungen im Bildungssystem hat unmittelbare politische und wirtschaftliche Folgen. Auswanderungsdruck kann dem Land langfristig Beschäftigungs- und Innovationspotenzial entziehen. Für Partnerländer wie die Schweiz bedeutet dies anhaltende Migrationsbewegungen sowie Herausforderungen bei der Entwicklungspolitik und Arbeitsmigration.
| Indikator | Beschreibung |
|---|---|
| Wirtschaftswachstum | Rund 4 %, getragen von Bau, Industrie und Exportgütern |
| Profiteure | Globalisierte Eliten, palastnahe Unternehmen, obere Mittelklasse |
Werenfels macht deutlich, dass strukturelle Reformen nötig sind, um das Wachstum inklusiver zu gestalten: Investitionen in ländliche Entwicklung, Ausbildung von Fachkräften statt ausschliesslich akademischer Abschlüsse und eine gezielte Schaffung arbeitsplatzintensiver Wirtschaftsaktivitäten. Ohne solche Anpassungen werde Marokko das Potenzial seines demografischen Bonus nur teilweise nutzen können.
Für die Schweiz bleibt die Lage aus wirtschafts- und migrationspolitischer Sicht relevant. Die Dynamiken in Marokko beeinflussen Migrationsströme, Arbeitsmarktfragen und die Ausrichtung bilateraler Entwicklungszusammenarbeit. Die Herausforderung besteht darin, einen Beitrag zu leisten, der sowohl wirtschaftliche Entwicklung fördert als auch soziale Ausgewogenheit stärkt.