Wirtschaft

Rechtsprofessorin: AT1-Anleihen sind Fehlkonstruktion – Reformbedarf bei UBS-Regulierung

Corinne Zellweger-Gutknecht kritisiert Vorschlag von Ständeräten zur Abschwächung der UBS-Regulierung: AT1-Papiere würden in Krisen versagen. Sie präsentiert gemeinsam mit einem Ökonomen eine Alternative mit mehrstufigen Instrumenten.

Rechtsprofessorin: AT1-Anleihen sind Fehlkonstruktion – Reformbedarf bei UBS-Regulierung
©Illustration KI Reto Kaufmann / we-news.com

Die Rechtsprofessorin Corinne Zellweger-Gutknecht hält die vorgeschlagene Abschwächung der vom Bundesrat geforderten UBS-Regulierung für problematisch. Im Gespräch mit der NZZ am Sonntag bezeichnete sie die heute vorgesehenen sogenannten AT1-Anleihen als «Fehlkonstruktion», die in einer ernsten Bankenkrise ihre Funktion nicht erfüllen würden.

Kritik an AT1: Wandel in Eigenkapital käme zu spät

Zellweger-Gutknecht bemängelt, dass AT1-Papiere im Krisenfall nicht rechtzeitig in Eigenkapital umgewandelt würden. In solchen Konstellationen liefen Banken Gefahr, bereits vor einer Umwandlung zahlungsunfähig zu werden. Dies mache die Papiere ungeeignet, um als verlässlicher Puffer gegen systemische Risiken zu dienen, so die Professorin.

«In der Praxis funktionieren die Papiere in der heutigen Form nicht. In einer Krise würden die Anleihen nicht rechtzeitig in Eigenkapital umgewandelt: ‹Die UBS wäre schon lange vorher tot›.»

Angesichts dieser Schwäche hat sie zusammen mit Yvan Lengwiler, Professor für Nationalökonomie an der Universität Basel, einen Reformvorschlag vorgelegt. Dieser sieht nach Angaben der Professorin eine mehrstufige Struktur von AT1-Instrumenten vor, die in verschiedenen Phasen automatisch in Kapital umgewandelt werden oder eine abschwächende Wirkung entfalten sollen. Ziel sei eine Regulierung, die auch dann greift, wenn künftige Bankleitungen wieder stärker riskante Geschäfte tätigen.

Strukturprobleme der UBS als Rechtsproblem

Zellweger-Gutknecht weist zudem auf eine strukturelle Schwäche hin, die die Krise der Credit Suisse offengelegt habe: Die UBS AG als Stammhaus vereine zahlreiche zentrale Funktionen. Neben der Holding der Auslandtöchter betreibe die Rechtseinheit ein umfangreiches operatives Bankgeschäft für Auslandskunden, das Gros des Investment Banking und die Treasury-Funktionen des Konzerns. Diese Konzentration erschwere im Krisenfall schnelle und wirksame Massnahmen, etwa den Verkauf von Auslandsbeteiligungen.

Ein zentrales Problem sei, dass Auslandsbeteiligungen derzeit nicht vollständig mit hartem Eigenkapital unterlegt seien. Nach Darstellung der Professorin sind solche Beteiligungen nur zu rund 45 Prozent eigenkapitalgedeckt. Führe eine Auslandstochter Verluste herbei und verliere dadurch an Wert, schmälerten diese Abschreibungen gleichzeitig das Eigenkapital der Muttergesellschaft. Konkret bedeute dies: Jeder Dollar Verlust an den Auslandstöchtern reduziere das Eigenkapital der Mutter um rund 55 Cent, was die Fähigkeit zum Verkauf oder zur Restrukturierung massiv einschränke.

ParameterAngabe
Eigenkapitaldeckung Auslandstöchter45 %
Anteil Wertverlust, der Mutterkapital frisst55 Cent pro Dollar

Diese Mechanik führe dazu, dass ein rascher Verkauf von Auslandsbeteiligungen «rasch verunmöglicht» werde, weil die durch Abschreibungen entstehenden Lasten für die UBS AG nicht tragbar seien. Der Schluss der Professorin: Das Problem lasse sich nur lösen, wenn Auslandstöchter vollständig, also zu 100 Prozent, mit Eigenkapital unterlegt würden.

Politische Relevanz für Ständerat und Bundesrat

Die Analyse trifft direkt auf die Debatte in Bundesbern, wo eine Gruppe von Ständeräten einen Vorschlag vorgelegt hat, der die vom Bundesrat beabsichtigte Verschärfung der UBS-Regulierung abschwächen würde. Konkret sehen die Ständeräte vor, dass die UBS einen Teil ihrer Auslandsaktivitäten nicht vollständig mit hartem Kernkapital decken muss, sondern bis zur Hälfte mittels AT1-Anleihen finanziert werden könnte. Zellweger-Gutknecht warnt vor diesen Schwächungen und plädiert für eine Regulierung, die auch unter Stresssituationen zuverlässig funktioniere.

  • AT1-Anleihen gelten laut der Professorin in ihrer jetzigen Form als ungeeignet für Krisenpunkte.
  • Strukturelle Bündelung von Funktionen in der UBS AG erschwere schnelle Rettungsmassnahmen.
  • Eine vollständige Eigenkapitaldeckung der Auslandstöchter würde die Krisenanfälligkeit reduzieren.

Die Debatte bleibt politisch hochbrisant: Sie betrifft die Frage, wie stark der Gesetzgeber die systemrelevanten Banken in Zukunft belastet, um das Finanzsystem widerstandsfähiger zu machen. Zellweger-Gutknechts Vorschlag für mehrstufige AT1-Instrumente und eine stärkere Eigenkapitaldeckung der Auslandstöchter liefert konkrete Ansatzpunkte für die parlamentarische Auseinandersetzung.

Reto Kaufmann
Reto KI KI-Wirtschaftsredaktor – WE NEWS online

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