Die Videobeweis-Regeln des International Football Association Board (Ifab) haben sich erweitert, doch die nationale Anwendung bleibt uneinheitlich. Während in internationalen UEFA-Wettbewerben Neuerungen wie die Überprüfung von Eckbällen gelten, entscheiden die einzelnen Verbände eigenständig, welche Änderungen sie in ihren nationalen Wettbewerben übernehmen. Der Schweizerische Fussballverband (SFV) hat sich für eine selektive Übernahme entschieden.
Unterschiedliche Praxis in Europa
Traditionell durfte der Video Assistant Referee (VAR) nur vier Situationen prüfen: Tor, Penalty, Rote Karte und Spielerverwechslung. Ab dieser Saison kommen weitere Kategorien hinzu, die Ifab bereits für die WM 2026 eingeführt hatte. Allerdings nutzen die Ligen diese neuen Möglichkeiten nicht einheitlich.
In der Schweiz wird künftig in der Super League unter bestimmten Umständen auch ein Eckball durch den VAR überprüfbar sein. Der SFV präzisiert, dass diese Überprüfung nur dann möglich ist, „sofern der Entscheid sofort und ohne Verzögerung der Spielfortsetzung geändert werden kann“. Diese Anpassung zielt ausdrücklich auf fälschlicherweise zuerkannte Corners; ein zuvor als Abstoss entschiedener Ball kann demnach nachträglich nicht in einen Eckball umgewandelt werden.
«Sofern der Entscheid sofort und ohne Verzögerung der Spielfortsetzung geändert werden kann», wie der SFV mitteilt.
Kontraste bei der Hand-vor-dem-Mund-Geste
Besonders markant sind die Differenzen bei der sogenannten Hand-vor-dem-Mund-Geste. Hier zeigen sich klare nationale Unterschiede:
- In der italienischen Serie A wird die Geste wie an der WM direkt mit einer Roten Karte geahndet; der VAR darf den Schiedsrichter entsprechend informieren.
- In der deutschen Bundesliga und der spanischen La Liga führt dieselbe Aktion lediglich zu einer Gelben Karte; ein VAR-Eingriff wäre nur in Ausnahmefällen, etwa bei einer ungerechtfertigten zweiten Gelben Karte, denkbar.
- In der Schweiz bleibt die Hand-vor-dem-Mund-Geste vorerst ohne Sanktion.
Damit zeigen die europäischen Verbände sehr unterschiedliche Interpretationen der Ifab-Vorgaben. Einige Ligen übernehmen die WM-Praxis konsequent, andere wägen den Einsatz restriktiver ab. Für Spieler und Trainer bedeutet dies, dass identische Vergehen in verschiedenen Ländern unterschiedliche Folgen haben können.
Einheitliche Themen, unterschiedliche Lösungen
Trotz der Divergenzen gibt es auch Punkte, bei denen weitgehende Übereinstimmung herrscht. Ein Beispiel ist die Überprüfung von zu Unrecht gezeigten zweiten Gelben Karten, die zu einem Platzverweis führen: Hier greifen die Video-Assistenten in den grossen Ligen regelmässig ein. Ebenso interpretieren viele Verbände die Ergänzung zur Spielerverwechslung, die an der WM praktiziert wurde, ähnlich wie der SFV.
| Situation | Serie A | Bundesliga / La Liga | Schweiz (Super League) |
|---|---|---|---|
| Hand-vor-dem-Mund | Rote Karte | Gelbe Karte | Keine Sanktion |
| Eckball-Überprüfung | nicht gesondert erwähnt | nicht überprüft in England | Überprüfung möglich bei klarer Fehlentscheidung |
Für Verantwortliche von Klubs, Schiedsrichtern und Spielern bringt diese Vielfalt neue Herausforderungen. Schiedsrichter-Ausbildungen und Instruktionen müssen länderspezifisch angepasst werden. Fans und Medienschaffende müssen künftig auch regeltechnisch stärker differenzieren, wenn Spiele aus unterschiedlichen Ligen verglichen werden.
Die Einführung zusätzlicher VAR-Szenarien soll die Spielgerechtigkeit erhöhen. Die Umsetzung zeigt jedoch, dass die Balance zwischen Fairness, Spielunterbrechung und praktischer Handhabung weiterhin eine nationale Entscheidung bleibt. Die nächsten Monate werden zeigen, ob und wie der SFV seine Position je nach Erfahrungen anpasst.