Der Kanton Aargau hat das Stipendienwesen 2018 grundlegend umgestaltet. Ziel der Reform war es, die Kosten zu senken. Ein nun vorliegender Bericht des Regierungsrats zeigt: Die Massnahme wirkt — die ausbezahlten Stipendien sind deutlich zurückgegangen. Das führte im Grossen Rat zu heftigen Debatten über Gerechtigkeit, Zugangsbarrieren und die Rolle von Krediten in der Ausbildungsfinanzierung.
Weniger Empfänger, tiefere Auszahlungen
Der Bericht konstatiert, dass die Zahl der Studierenden mit Stipendien im Kanton Aargau um rund ein Fünftel gesunken ist. Die jährlichen Auszahlungen liegen bei etwa 5,1 Millionen Franken. Damit hat sich die Belastung des Kantons deutlich verringert im Vergleich zur Zeit vor der Reform.
| Jahr | Empfangene Studierende | Durchschnittliches Stipendium (CHF) |
|---|---|---|
| 2017 | 1201 | 8900 |
| 2023 | — | 5347 (Aargau), 9106 (schweizweit) |
Der Bericht weist zudem aus, dass der Aargau 2023 mit einem durchschnittlichen Stipendium von 5347 Franken schweizweit den tiefsten Wert auf der Tertiärstufe auswies. Der gesamtschweizerische Durchschnitt lag bei 9106 Franken.
Strittiges Splittingmodell und politische Reaktionen
Kernpunkt der Kritik ist das sogenannte Splittingmodell. Demnach müssen Studierende in Aargau ein Drittel ihres gewährten Stipendiums als kreditartige Leistung aufnehmen, und zwar bis zu einem Maximum von 16 000 Franken pro Jahr. Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Fraktionen zeigten sich im Grossen Rat gespalten.
«Es dauert länger, bis junge Menschen ohne reiche Eltern ihren Weg in den Berufsalltag finden»
Mit diesen Worten brachte eine Sprecherin der SP ihre Kritik zum Ausdruck. Die Grünen äusserten ähnlich deutliche Bedenken: Die Aufteilung in Teilstiftung und Teilkredit erschwere vielen jungen Menschen den Zugang zur Ausbildung, hiess es im Plenum.
Die Mitte und die GLP zeigten sich zurückhaltender, hinterfragten jedoch die Wirksamkeit einzelner Instrumente: Wenn 65 Prozent der Anspruchsberechtigten ein Instrument nicht nutzen, müsse geprüft werden, ob dieses Instrument den Bedürfnissen der Zielgruppe entspreche, lautete ein Votum der Mitte-Fraktion. FDP und SVP zeigten sich hingegen zufrieden. Eine FDP-Votantin betonte, das Stipendienwesen ermögliche grundsätzlich allen, die fähig und willens seien, einen Hochschulabschluss zu erreichen.
Am Ende schrieb der Grosse Rat den Bericht ab, das heisst: Er nahm ihn zur Kenntnis, ohne unmittelbar gesetzgeberische Konsequenzen zu ziehen.
Auswirkungen für Studierende und Gemeinden
Die Zahlen deuten darauf hin, dass die Reform die Ausgaben des Kantons reduziert hat. Für Betroffene bedeutet das aber konkret weniger direkte Unterstützung und höhere Teile als Kredit. Das kann die Studienwahl, Studiendauer oder die finanzielle Belastung während der Ausbildung beeinflussen. Gemeinden, die Anlaufstellen für Beratung und Unterstützung bieten, sehen eine veränderte Nachfrage nach Informationen zu Studienfinanzierung und Krediten.
- Weniger Empfänger: Zahl der geförderten Studierenden sank um rund 20 Prozent.
- Tiefere Durchschnittsbeträge: Aargauer Durchschnitt 2023: 5347 Franken.
- Splittingmodell: Ein Drittel als Kredit, bis maximal 16 000 Franken pro Jahr.
Weiteres Vorgehen und Ausblick
Der Regierungsrat unter der Leitung von Bildungsdirektorin Martina Bircher (SVP) plant gemäss Bericht ein Strategiepaket zum Thema Sprachen. Weitere bildungspolitische Fragen, etwa zur Sprachförderung, standen gleichzeitig auf der Traktandenliste und wurden vom Parlament ohne grössere Debatte abgeschrieben.
Ob und wie der Kanton auf die Kritik an der Aufteilung zwischen Beihilfe und Kredit reagiert, bleibt offen. Grossratsfraktionen, die Ungleichgewichte in der Ausbildungsfinanzierung sehen, haben bereits Forderungen erhoben, einzelne Elemente des Systems zu prüfen oder anzupassen. Konkrete Gesetzesinitiativen wurden im Rahmen der Debatte jedoch nicht beschlossen.
Für Studierende bedeuten die Resultate: Weniger direkte Unterstützung aus kantonalen Mitteln und stärkerer Einsatz von Krediten. Für die Politik ergeben sich Fragen zur Ausgewogenheit zwischen Haushaltsdisziplin und Chancengleichheit. Die Diskussion im Grosse Rat zeigt, dass die Bildungspolitik weiterhin ein Spannungsfeld zwischen Sparwunsch und sozialer Zugänglichkeit bleibt.
Weitere Beratungen auf kantonaler Ebene sind möglich, sofern Parteien oder parlamentarische Vorstösse eine Gesetzesrevision anstreben. Bis dahin gilt das aktuelle Stipendienregime mit seinen festgehaltenen Vorgaben.