Eine umfassende Studie, an der auch Wissenschaftler der Medizin-Uni Innsbruck beteiligt waren, dokumentiert einen deutlichen Anstieg von Adipositas in England zwischen November 2019 und Ende April 2025. Die Forschenden werteten Routinedaten des National Health Service (NHS) aus und kommen zu dem Schluss, dass die Zunahme nicht gleichmäßig verteilt ist, sondern stark mit sozioökonomischen Bedingungen zusammenhängt.
Kernergebnisse der Untersuchung
Die Analyse umfasste die Angaben von 54.892.390 Personen im Alter von 18 bis 99 Jahren. In diesem Zeitraum wurden bei 4.131.555 Menschen erstmals eine Adipositas-Diagnose (Body‑Mass‑Index ≥ 30) dokumentiert. Davon entfielen 2.278.485 (55,1 %) auf Frauen und 1.853.070 (44,9 %) auf Männer; das mittlere Alter bei Diagnosestellung lag bei 43 Jahren. Die Gesamthäufigkeit stieg binnen der gut fünf Jahre von 26,3 % auf 30,3 % — ein Plus von rund vier Prozentpunkten.
„Adipositas zählt zu den größten Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit im 21. Jahrhundert.“ — Robert Fletcher et al., Lancet Diabetes & Endocrinology
Ungleichheit als zentrales Ergebnis
Die Studie betont, dass die Belastung durch Adipositas stark von sozialen Rahmenbedingungen abhängt. In Großbritannien variierte die Häufigkeit eines BMI von über 30 je nach Kontext zwischen 4,3 % und 66,1 %. Damit zeigt sich deutlich, dass Adipositas keineswegs eine gleichmäßig verteilte Problematik ist, sondern in bestimmten Bevölkerungsgruppen und Regionen deutlich konzentrierter auftritt.
- Hohe Zuwächse bei Jüngeren: Besonders stark nahm Adipositas bei jungen Erwachsenen zu, was langfristige gesundheitliche Folgen erwarten lässt.
- Sozioökonomische Schere: Ärmere Bevölkerungsgruppen sind überproportional betroffen.
- Versorgungsimplikationen: Zunahme von Adipositas stellt Gesundheitswesen vor erhebliche Herausforderungen.
Methodik und Beteiligte
Die Untersuchung beruht auf lebensverlaufsbezogenen Daten des NHS und deckt den Zeitraum von November 2019 bis Ende April 2025 ab. Die Auswertung erfolgte nach Altersgruppen, Geschlecht, sozioökonomischem Status, ethnischer Zugehörigkeit und Wohnort. Zu den Autorinnen und Autoren zählen Robert Fletcher von der British Heart Foundation sowie Patrick Rockenschaub vom Institut für Klinische Epidemiologie der Medizin-Uni Innsbruck. Die Ergebnisse wurden in Lancet Diabetes & Endocrinology veröffentlicht.
Folgen für Prävention und Versorgung
Die Zahlen haben mehrere unmittelbare Konsequenzen für die Gesundheitsplanung: Steigende Adipositas-Raten erhöhen langfristig die Belastung durch Folgeerkrankungen wie Typ‑2‑Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und orthopädische Probleme. Die besondere Zunahme bei jungen Erwachsenen weist darauf hin, dass präventive Maßnahmen frühzeitig ansetzen müssen. Zugleich macht die starke soziale Ungleichheit deutlich, dass rein individuelle Verhaltensberatung nicht ausreicht; strukturelle Maßnahmen, verbesserter Zugang zu gesunder Ernährung und Bewegungsmöglichkeiten sowie gezielte Programme für sozial benachteiligte Gruppen sind erforderlich.
| Indikator | Wert |
|---|---|
| Erfasste Personen | 54.892.390 |
| Neudiagnosen Adipositas | 4.131.555 |
| Frauen / Männer (Anteil) | 2.278.485 (55,1 %) / 1.853.070 (44,9 %) |
| Mittleres Alter bei Diagnose | 43 Jahre |
| Prävalenz Anstieg | 26,3 % → 30,3 % (bis 2025) |
Für Österreich lassen sich aus der britischen Analyse keine direkten numerischen Übertragungen ohne weitere Studien ableiten. Dennoch sollte das nationale Gesundheitswesen die Hinweise ernst nehmen: Prävention muss sozial gerecht gestaltet werden, und Strategien zur frühen Ansprache junger Erwachsener sind dringend geboten. Die Beteiligung der Innsbrucker Forschenden unterstreicht die Bedeutung grenzüberschreitender Routinedatenauswertungen für politische Entscheidungsträger.
Die Autorinnen und Autoren der Studie fordern in ihrer Arbeit mehr Forschung zu den Mechanismen sozialer Ungleichheit im Kontext von Adipositas – und konkrete politische Maßnahmen, um die beobachteten Trends nicht weiter zu verschärfen.