Im Arkadenhof von Schloss Ebergassing wurde am vergangenen Freitag eine ungewöhnliche Version von Franz Schuberts „Winterreise“ präsentiert: Die Camerata Carnuntum führte unter Leitung von Leo Wittner die von Hans Zender komponierte Orchesterfassung auf, begleitet vom deutsch-österreichischen Tenor Maximilian von Lütgendorff. Der offene Hof bot sommerliches Ambiente, zugleich aber eine Bühne für eine Aufführung, die auf subtile Intensitäten ebenso setzte wie auf musikalische Extreme.
Einsatz von Erweiterungen: Windmaschine, Ziehharmonika, Harfe
Die Besetzung umfasste 26 Orchestermitglieder. Zender transformiert Schuberts ursprünglich für Klavier gesetzten Zyklus zu einem vielschichtigen Orchesterabend; dabei kamen außer traditionellen Streichern und Bläsern zusätzliche Klangerzeuger zum Einsatz. Deutlich spürbar waren etwa eine selbstgebaute Windmaschine, Harfe, Ziehharmonika, Gitarre, Xylophon und Melodikas. Diese Klangfarben dienten dazu, die Atmosphären von Kälte, Verzweiflung und innerer Unruhe akustisch zu spiegeln.
- Orchestermusik als szenische Verlängerung des Liedes
- Starker Wechsel von leisen, detailreichen Passagen zu lärmhaften, dichten Texturen
- Hohe Anforderungen an Ensemble und Solisten wegen komplexer Rhythmik und Dichte
Die Aufführung zeichnete sich durch starke rhythmische Verschiebungen aus: Synkopen, eine permanente Überlagerung von Bläser-Neunachtel mit Streicher-Dreivierteltakt und ein dramatisches Wechselspiel zwischen ruhigen und eruptiven Momenten forderten Präzision und Atem der Musiker. Für das Publikum bedeutete das Konzert nicht nur Hören, sondern ein konzentriertes Mitvollziehen von Konturen und Brüchen.
Maximilian von Lütgendorff trat im dramatischen Tenorfach auf; seine Interpretation spannte den Bogen zwischen innerer Zerrissenheit und artikuliertem Ausbruch. Besonders die letzten beiden Sätze der Reihe, „Die Nebensonnen“ und „Der Leiermann“, hoben sich durch eine ausgeprägte Ausdruckstiefe ab: Hier dominierte tiefe Trauer und eine spürbare Leere, die Zenders Orchestrierung noch einmal konzentriert hervorhob.
| Element | Angabe / Beispiel |
|---|---|
| Orchestergröße | 26 Mitglieder |
| Anzahl der Sätze in der Fassung | 24 Sätze |
| Besondere Instrumente | Windmaschine, Harfe, Ziehharmonika, Gitarre, Xylophon, Melodikas |
Für die Musiker war der Abend ein technischer und interpretatorischer Herausforderung: Die vielen Tempowechsel, das Feintuning der Dichte sowie die präzise Absprache zwischen Klangfarben verlangten hohe Konzentration. Gleichwohl gab es am Ende lautstarken Beifall, Rufe der Anerkennung und Standing-Ovations, was auf Publikumszuspruch und die Wirkung der Aufführung hindeutet.
Die Wahl des Arkadenhofs als Aufführungsort verlieh dem Abend eine besondere räumliche Dimension: Offenheit und Hall des Hofes beeinflussten die Wahrnehmung der Klangschichten und rückten die Spannung zwischen der Intimität des Liedes und der Weite orchestraler Geste ins Zentrum. Solche Aufführungsorte zeigen, wie sich kammermusikalische Tradition und experimentelle Orchestrierung auf neue Weise verbinden lassen.
In der Summe präsentierte sich der Abend als ein Beispiel, wie ein bekanntes Liedzitat durch instrumentale Erweiterung zu einem neuen Hörerlebnis umgedeutet werden kann. Die Mischung aus sensibler Deutung und dramatischer Zuspitzung stellte sowohl für die Interpreten als auch für das Publikum einen erkenntnisreichen Abend dar – ein Impuls dafür, Schuberts Liedkunst in aktuellen Besetzungen weiterzudenken.