Die vietnamesische Tourismuspolitik richtet ihren Blick neu: Mit der Resolution Nr. 26-NQ/TW vom 22. August 2026 legt der vietnamesische Tourismusverband (VHO) fest, dass Kultur, Geschichte und Identität künftig die Grundlage für die Entwicklung des Tourismus bilden sollen. Ziel ist nicht mehr allein das Anziehen von Gästen, sondern die Schaffung unverwechselbarer Erlebnisse, die längerfristigen wirtschaftlichen Nutzen stiften.
Von natürlichen Vorteilen zu kultureller Einzigartigkeit
Vietnam verfügt laut Darstellung des VHO über zahlreiche natürliche und historische Vorzüge: eine ausgedehnte Küstenlinie, mehrere Welterbestätten, die landestypische Küche und die Vielfalt von 54 ethnischen Gruppen. Diese Ressourcen haben in der Vergangenheit zu stark steigenden Besucherzahlen geführt. Die Resolution betont jedoch, dass reine Ressourcenfülle nicht automatisch in einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil mündet. Entscheidend sei vielmehr der Wert jeder einzelnen Reise – also ob Angebote Touristen länger halten, zu höheren Ausgaben animieren oder Wiederkehrer generieren.
Bilanz und bestehende Defizite
Rückblickend bilanziert der VHO Erfolge der vergangenen Jahre, nennt zugleich aber strukturelle Schwächen. Bis 2025 wurden demnach rund 21,2 Millionen internationale Besucher erwartet; hinzu kämen ungefähr 137 Millionen Inlandsreisende. Die Tourismuseinnahmen sollen die Marke von 1 Billion VND erreichen und tragen dem Verband zufolge direkt zu etwa 8,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bei. Außerdem entstünden rund 4,4 Millionen Arbeitsplätze im Sektor.
Gleichzeitig beklagt die Resolution einen Mangel an Produktvielfalt und -tiefe: Viele Angebote erzeugten keinen nennenswerten Mehrwert. Weitere Herausforderungen lägen beim Destinationsmanagement, der digitalen Transformation und der ökologischen Umstellung. Institutionelle Hindernisse, Infrastrukturfragen, Landnutzungsregelungen, Besteuerung und verzögerte Umsetzung von Maßnahmen zählten zu den Engpässen, die bislang nicht in ausreichendem Tempo adressiert worden seien.
Konkrete Prioritäten der neuen Strategie
Die Resolution schlägt einen Paradigmenwechsel vor: Weg von der Ausbeutung aller verfügbaren Ressourcen, hin zur Entwicklung authentischer Erlebnisse mit deutlicher vietnamesischer Identität. Damit soll der Tourismus nicht nur kurzfristige Einnahmen sichern, sondern langfristig qualitative Wertschöpfung erzeugen.
- Stärkerer Fokus auf kulturelle Angebote und lokale Traditionen
- Ausbau des Destinationsmanagements und der digitalen Infrastruktur
- Förderung einer grünen Transformation des Sektors
Die Resolution erkennt an, dass bisherige Erfolge bei Besucherzahlen nicht automatisch mit einem gleichwertigen wirtschaftlichen Mehrwert einhergehen. Im Kern geht es um die Frage, wie aus Besuchen nachhaltige Erlebnisse werden, die die Bindung an Vietnam stärken.
| Indikator | Angabe |
|---|---|
| Internationale Besucher (bis 2025) | 21,2 Millionen |
| Inlandsreisende (bis 2025) | 137 Millionen |
| Tourismuseinnahmen | 1 Billion VND |
| Anteil am BIP | 8,8 % |
| Arbeitsplätze | 4,4 Millionen |
Folgen und Herausforderungen
Die Neuausrichtung stellt Verwaltungen, Unternehmen und lokale Gemeinschaften vor praktische und politische Aufgaben. Eine stärkere Betonung kultureller Identität erfordert Investitionen in Ausbildung, Schutz des materiellen und immateriellen Kulturerbes sowie in die Gestaltung authentischer Besucherangebote. Zudem ist die Balance zwischen Kommerzialisierung und Erhalt lokaler Lebensweisen sensibel: Angebote müssen wirtschaftlich tragfähig sein, dürfen aber traditionelle Strukturen nicht zerstören.
Die Resolution nennt auch strukturelle Reformfelder: Institutionelle Anpassungen, bessere Infrastrukturplanung, klare Landnutzungsregelungen und steuerliche Anreize sollen beschleunigt werden. Digitalisierungsmaßnahmen sind nötig, um Dienstleistungen zu verbessern und Prozesse effizienter zu gestalten. Schließlich setzt die Strategie auf eine „grüne Transformation“, um Umweltauswirkungen zu reduzieren und die Attraktivität nachhaltiger Lösungen zu erhöhen.
Die Herausforderung für Vietnam besteht nun darin, die angekündigten Ziele in konkrete Projekte zu übersetzen und den Übergang von quantitativen zu qualitativen Erfolgsgrößen zu schaffen. Ob die stärkere Verankerung kultureller Identität als Motor für langfristiges Wachstum wirkt, wird von der Umsetzungsgeschwindigkeit und der konkreten Abstimmung zwischen Regierung, Tourismuswirtschaft und lokalen Gemeinschaften abhängen.