Hannover. In Niedersachsen sinkt die Zahl der erfassten Straftaten, doch zeitgleich wächst die Angst in Teilen der Bevölkerung, Opfer einer Tat zu werden. Eine gemeinsam vom Innenministerium und dem Landeskriminalamt (LKA) vorgelegte Dunkelfeldstudie mit fast 17.000 Befragten bringt diese Diskrepanz zum Ausdruck und benennt Verteilungsmuster nach Alter, Geschlecht und Wohnort.
Weniger Straftaten, höhere Furcht
Die Polizei registrierte im vergangenen Jahr 506.634 Straftaten in Niedersachsen. Ein Jahr zuvor waren es noch 529.264. Trotz dieses Rückgangs schätzten 10,1 Prozent der Befragten ihr persönliches Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, als „eher hoch“ oder „hoch“ ein; 2023 lag dieser Wert bei 9,4 Prozent. Die Mehrheit der Befragten — rund neun von zehn — bewertete ihr Risiko allerdings als gering oder eher gering.
Wer fühlt sich unsicher?
Die Studie zeigt, dass die Angst vor Kriminalität nicht gleichmäßig verteilt ist. Besonders Frauen, jüngere Menschen und Bewohner größerer Städte berichten vermehrt von Sicherheitsbedenken. Landesinnenministerin Daniela Behrens (SPD) betonte, die Menschen sollten sich jederzeit sicher fühlen können, und stellte die gute objektive Sicherheitslage heraus.
„Die Unsicherheit und Kriminalitätsfurcht nehmen zu“,
so Behrens laut Mitteilung. Trotz wachsender Furcht bewerteten die meisten Befragten die Arbeit der Polizei positiv; das Vertrauen in die Behörde sei hoch.
Anzeigequote und Dunkelfeld
Die Studie liefert auch Angaben zur Anzeigebereitschaft: Nur etwa 22 Prozent der erlebten Straftaten seien bei der Polizei angezeigt worden, ein Rückgang um 2,8 Prozentpunkte gegenüber 2022. Bei bestimmten Deliktsarten fiel die Anzeigequote unterschiedlich aus: Am höchsten war sie bei Diebstählen, etwa beim Autodiebstahl oder Wohnungseinbruch, am geringsten bei Sexualdelikten.
Der Präsident des LKA, Thorsten Massinger, erklärte Gründe für die niedrige Anzeigebereitschaft. Häufig gaben Betroffene an, die Tat sei nicht schwerwiegend genug gewesen, eine Aufklärung erscheine unwahrscheinlich, es fehlten Beweise oder sie befürchteten, nicht ernst genommen zu werden.
Konkrete Zahlen im Überblick
| Indikator | Wert |
|---|---|
| Erfasste Straftaten (letztes Jahr) | 506.634 |
| Erfasste Straftaten (Vorjahr) | 529.264 |
| Befragte in Studie | fast 17.000 |
| Empfundenes hohes Risiko | 10,1 % (2023: 9,4 %) |
| Anzeigequote (bei erlebten Straftaten) | 22 % (−2,8 Prozentpunkte gegenüber 2022) |
Folgen für Alltag und Mobilität
Die Studie dokumentiert zudem, wie sich das Furchtempfinden auf das Verhalten auswirkt. Fast 41 Prozent der Befragten gaben an, nachts lieber nicht mit Bus und Bahn zu fahren. Solche Verhaltensänderungen haben Auswirkungen auf Mobilität, insbesondere für Menschen ohne eigenes Auto, und können die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben einschränken.
- Besonders betroffen: Frauen, junge Erwachsene, Bewohner größerer Städte.
- Wichtigster Grund gegen Anzeige: Wahrnehmung der Tat als nicht schwerwiegend oder geringe Aufklärungschancen.
- Verkehrsverhalten: Deutliche Zurückhaltung bei nächtlicher Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel.
Was bedeutet das für die Polizeiarbeit?
Polizei und Politik stehen nun vor der Aufgabe, nicht nur die objektive Lage zu sichern, sondern auch das subjektive Sicherheitsgefühl zu verbessern. Hohe Zufriedenheit mit der Polizei ist eine Grundlage; zugleich müssen Zweifel an der Wirksamkeit von Anzeigen und an der Ernsthaftigkeit der Strafverfolgung adressiert werden, wenn die Hemmschwellen für Meldungen sinken sollen.
Die Studie legt nahe, dass Präventionsangebote, klarere Informationsangebote zu Ermittlungs- und Anzeigewegen sowie sichtbare Präsenz in Stadtteilen und im öffentlichen Verkehr helfen könnten, das Vertrauen weiter zu stärken. Welche konkreten Maßnahmen Innenministerin Behrens und das LKA aus der Studie ableiten werden, ist noch offen; die präsentierten Zahlen schaffen jedoch eine fundierte Grundlage für Diskussionen über zukünftige Sicherheitsstrategien.
Für Betroffene und Interessierte sind die Ergebnisse ein Hinweis, dass persönliche Sicherheitswahrnehmung und statistische Entwicklungen auseinanderlaufen können. Das Innenministerium und das LKA betonen, beide Dimensionen ernst zu nehmen: die objektive Kriminalitätslage und die Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort.