Beim Musikfest Bremen zeigte Rolando Villazón am Dienstagabend ein konzentriertes, knapp anderthalbstündiges Programm mit Vertonungen rund um die Figur des Orpheus. In der Bremer Konzerthalle Die Glocke führte der Tenor gemeinsam mit der Sopranistin Céline Scheen und dem Ensemble unter Leitung von Christina Pluhar Werke vom frühen Barock bis in das 20. Jahrhundert zusammen.
Konzept und Ablauf
Das Programm setzte auf einen nahtlosen Ablauf: Die Stücke gingen fließend ineinander über, sodass das Publikum die rund 80 Minuten Spielzeit ohne Unterbrechung erlebte. Durch die dramaturgische Anordnung der Nummern gelang ein ausgewogenes Wechselspiel ruhiger, getragen wirkender Abschnitte und dramatischer, expressiver Passagen. Die Abfolge reduzierte die Gefahr von Zwischenapplaus und bewahrte den narrativen Fluss des Abends.
Repertoire und musikalische Ausrichtung
Die Auswahl reichte von Claudio Monteverdi bis zu Carlos Gardel und umfasste mehrere historische Bearbeitungen des Orpheus-Stoffes. Dazwischen platzierten sich Beiträge von Giulio Caccini, Luigi Rossi, Antonio Sartorio und Christoph Willibald Gluck. Die künstlerische Umsetzung blieb dabei stilistisch variabel, ohne die kohärente Linie des Programms zu verlieren.
| Komponist | Beitrag/Anmerkung |
|---|---|
| Claudio Monteverdi | Arien aus „L’Orfeo“, zentrale Szenen wie die Klagemotette |
| Christoph W. Gluck | Berühmte Arie „Che farò senza Euridice“ im barocken Gewand |
| Giulio Caccini, Luigi Rossi, Antonio Sartorio | Vertonungen des Orpheus-Themas aus dem Barockrepertoire |
| Carlos Gardel | Tango als temperamentvoller Ausbruch im Programm |
Stimme und Gestaltung
Villazón präsentierte eine weiterhin anziehende Mittellage, die besonders in den lyrischen Passagen zur Geltung kam. Bei sehr hohen Tönen zeigte sich eine gewisse Begrenzung, die jedoch in dem überwiegend deklamatorisch geprägten Repertoire kaum ins Gewicht fiel. Der Sänger setzte auf Intensität und Ausdruck; seine Interpretation überzeugte durch Emotionalität und persönlichen Einsatz.
„Tu sei morta“
Besonders ergreifend wirkte seine Darstellung in der Klageszene Monteverdis, die mit großer innerer Beteiligung vorgetragen wurde. Auch dramatische Momente wie die Szene „Qual honor“ konnten den Tenor zu kraftvoller Darstellung reizen. Die Gluck-Arie „Che farò senza Euridice“ war in einer barock angelehnten Bearbeitung zu hören und wurde von Villazón mit spürbarer Wehmut angelegt.
Besondere Momente
- Die 80-minütige Durchspielzeit ohne Pause schuf eine dichte Konzertatmosphäre.
- Die dramaturgische Abfolge vermeidete stimmungsunterbrechende Applausstellen.
- Ein Tango von Carlos Gardel brachte das Temperament des Tenors eindrücklich zum Vorschein – für manche Zuhörer ging dieses Pathos etwas zu weit.
Die Zusammenarbeit von Villazón mit Christina Pluhar ist kein Novum: Bereits 2016 traten sie gemeinsam beim Musikfest auf, und 2021 startete ihr gemeinsames Projekt „Orfeo son io“. Seitdem wurde das Konzept weiterentwickelt und diesmal in Bremen erneut vorgestellt.
Lokale Einordnung
Das Konzert zeigt die anhaltende Bedeutung des Musikfests für die Bremer Kulturszene. Durch die Verbindung historischer Aufführungspraxis mit persönlicher Interpretationsfreude großer Solisten konnte das Festival ein anspruchsvolles Publikum ansprechen und die Glocke als Spielstätte für kammermusikalisch geprägte Programme profilieren.
Für Besucher, die das Musikfest weiter verfolgen wollen: Die dichte Programmgestaltung legt nahe, sich frühzeitig Karten zu sichern. Die ruhige Dramaturgie des Abends machte deutlich, wie sinnvoll kuratierte Programme jenseits großer Unterbrechungen wirken können – besonders bei Stoffen mit starkem erzählerischem Gehalt wie dem Orpheus-Mythos.
Insgesamt bot der Abend in der Glocke einen kompakten Überblick über unterschiedliche musikalische Zugänge zum Orpheus-Thema und zeigte Rolando Villazón in einer Rolle, die seine vokalen Stärken betonte und zugleich Raum für expressive Übersteigerung ließ.