Gelsenkirchen verzeichnet den geringsten Zuwachs privater Elektroautos unter allen deutschen Städten und Landkreisen. Das ergibt eine Auswertung des Versicherers HUK-Coburg, die Fahrzeuge und eine Umfrage unter mehr als 4.000 Personen ab 16 Jahren auswertet. Während bundesweit der Wechsel von Verbrennern zu E-Autos deutlich an Fahrt gewinnt, stagniert der Ausbau der privaten Elektromobilität in der Emscherstadt.
Bundesweiter Trend — lokale Abweichung
Deutschlandweit steigt der Anteil der Umstiege: fast jeder achte privaten Fahrzeugwechsel führt inzwischen zu einem E-Auto. Im Vergleich zur Jahresmitte verbesserten sich die Wechselquoten deutlich: Im Januar und Februar lag die Quote noch bei 6,3 Prozent. Die Auswertung verknüpft diesen Anstieg zeitlich mit dem Anstieg der Spritpreise nach dem Beginn des Iran-Konflikts.
Dennoch zeigt sich in Gelsenkirchen ein starker Kontrast: In den Spitzenregionen Cloppenburg (Niedersachsen) und Schweinfurt (Bayern) wächst der Bestand reiner Stromer in diesem Jahr mehr als sechsmal so schnell wie in Gelsenkirchen. Die Emscherstadt liegt damit bundesweit auf dem letzten Platz.
Mögliche Einflussfaktoren
Die HUK-Daten und die Umfrage deuten auf mehrere Faktoren hin, die die Entscheidung zum Umstieg beeinflussen:
- Fahrleistung: Vielfahrer (>12.000 km/Jahr) wechseln deutlich häufiger zum Stromer (14,7 Prozent) als Wenigfahrer (8,0 Prozent).
- Gebrauchtwagenmarkt: Bei gebrauchten E-Autos ist der Abstand noch größer (10,7 zu 4,5 Prozent zugunsten von Vielfahrern).
- Preisentwicklung: Viele Erwerbsentscheidungen hängen laut Umfrage mit den Diesel- und Benzinpreisen seit Beginn des Iran-Kriegs zusammen.
„Deutschland steckt den Stecker ein – Gelsenkirchen bleibt am Zapfhahn.“
Die Formulierung bringt das Dilemma auf den Punkt: Während die Mehrheit der Deutschen inzwischen eine positive Haltung zu E-Autos hat, zeigt sich diese Zustimmung regional sehr unterschiedlich. In der aktuellen Erhebung geben 52 Prozent der Befragten an, Elektroautos „gut“ oder „sehr gut“ zu finden. Besonders stark wuchs die Zustimmung bei Frauen (von 37 auf 45 Prozent), bei Männern von 54 auf 59 Prozent.
Marktverschiebungen und lokale Folgen
Neben der Nachfrageverschiebung hin zu E-Autos verändert sich auch der Markenmix: Günstige ausländische Hersteller gewinnen Marktanteile. So stieg der Anteil von BYD unter den Umsteigern von 0,8 auf 3,3 Prozent, Leapmotor von 1,8 auf 3,4 Prozent. Tesla verzeichnete nach einem Rückgang im Vorjahr wieder Zuwächse, ohne dass die Auswertung hier vollständige Werte nennt.
Für Gelsenkirchen hat die Rolle als Schlusslicht mehrere praktische Konsequenzen: Kommunale Infrastrukturpläne, Förderangebote für E-Mobilität und private Investitionsanreize müssen sich an einer lokalen Nachfrage orientieren. Sinkende Nachfrage nach E-Autos könnte für die Stadt bedeuten, dass Ladenetz-Ausbau, Werkstattkompetenz und Gebrauchtmarkt langsamer profitieren — oder dass Investitionen neu priorisiert werden müssen.
| Indikator | Wert |
|---|---|
| Wechselquote (bundesweit aktuell) | fast 1 von 8 (≈12,5 %) |
| Wechselquote Jan–Feb | 6,3 % |
| Vielfahrer (Umstieg) | 14,7 % |
| Wenigfahrer (Umstieg) | 8,0 % |
| Gebrauchtwagen: Vielfahrer vs Wenigfahrer | 10,7 % vs 4,5 % |
| Positive Zustimmung zu E-Autos (gesamt) | 52 % |
Für Gelsenkirchener Akteure — von der Stadtverwaltung über Verkehrsbetriebe bis zu Autohäusern — bedeutet das: Maßnahmen zur Förderung der Elektromobilität müssen stärker an lokale Voraussetzungen und Hemmnisse angepasst werden. Ohne zusätzliche Anreize oder Infrastrukturmaßnahmen droht, dass Gelsenkirchen länger hinter dem bundesweiten Trend zurückbleibt.
Die HUK-Coburg-Analyse liefert kein vollständiges Bild der Ursachen auf Haushalts- oder Nachbarschaftsebene, wohl aber klare Hinweise auf Zusammenhangslinien: Fahrleistung, Gebrauchtmarkt und Kraftstoffpreise beeinflussen Umstiegsentscheidungen. Ob die Stadtpolitik oder lokale Wirtschaft diese Hinweise aufgreifen und gezielte Initiativen starten, bleibt abzuwarten.
Die Daten zeigen jedenfalls: Während in großen Teilen Deutschlands das Tempo des Umstiegs wächst, bleibt Gelsenkirchen aktuell eine Ausnahme — und steht damit vor der Frage, wie lokale Rahmenbedingungen verändert werden können, damit die Stadt nicht dauerhaft Anschluss an die bundesweite Entwicklung verliert.