Bewegungsmangel ist gemäss neuester Forschung der wichtigste Grund für Rückenschmerzen. Das Fazit hat weitreichende Konsequenzen: Rückenschmerzen sind nicht bloss ein medizinisches Problem, sie betreffen die Arbeitswelt, den Sportbetrieb und das tägliche Bewegungsverhalten grosser Teile der Bevölkerung.
Ausmass und Ursachen
Fast jede und jeder kennt die Beschwerden: Laut verschiedenen Erhebungen leiden neun von zehn Schweizerinnen und Schweizern zumindest einmal an Schmerzen im unteren Rücken oder im Schulter-Nacken-Bereich. Die Rheumaliga Schweiz berichtet, dass rund die Hälfte der Betroffenen mehrmals pro Monat bis mehrmals pro Woche darunter leidet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt die Zahl der Betroffenen weltweit auf rund 619 Millionen Menschen.
Als Treiber nennt die Forschung vor allem sozioökonomische Faktoren: Mehr Bildschirmarbeit, längeres Sitzen im Alltag, psychische Belastungen sowie eine alternde Bevölkerung erhöhen das Risiko. Hinzu kommen klassische Risikofaktoren wie Übergewicht und Rauchen.
Unspezifische Rückenschmerzen: Häufig, aber schwer zu fassen
Christoph Gorbach, stellvertretender Chefarzt der Abteilung für Physikalische Medizin und Rheumatologie der Universitätsklinik Balgrist, betont die Häufigkeit unspezifischer Rückenschmerzen: Rund 90 Prozent der Fälle fallen in diese Kategorie. Das bedeutet nicht, dass die Schmerzen nicht real sind. Wie Gorbach erklärt:
«Das bedeutet nicht, dass Betroffene keine Schmerzen haben. Es bedeutet, dass trotz einer gründlichen klinischen Untersuchung und einer Bildgebung wie einem MRI die exakte Schmerzquelle nicht klar ist.»
In vielen Fällen lassen sich die Beschwerden auf Muskelverspannungen, Fehlbelastungen, verspannte Faszien oder mangelnde Bewegung zurückführen. Psychische Faktoren wie Stress können die Schmerzempfindung zusätzlich verstärken.
Bewegung als Therapie – nicht als Risiko
Wichtig für Patientinnen, Patienten und auch für Trainerinnen und Therapeuten ist die Umdeutung des Schmerzes: Rückenschmerz ist nicht automatisch ein Stoppsignal, sondern häufig eine Aufforderung, gezielt aktiv zu werden. Gorbach und andere Fachleute beobachten, dass Betroffene oft ein Vermeidungsverhalten entwickeln. Dieses Verhalten kann jedoch den Teufelskreis verstärken: Weniger Bewegung führt zu Schwäche und Verspannungen, die Schmerzen nehmen zu, und die Aktivität reduziert sich weiter.
Für Sportverantwortliche und Physiotherapeuten bedeutet dies, dass Schonung allein selten die richtige Strategie ist. Stattdessen empfehlen Fachleute individuell angepasste Bewegungsprogramme, die Kraft, Koordination und Haltung verbessern. Auch moderate, regelmässige körperliche Aktivität reduziert langfristig das Risiko für wiederkehrende Beschwerden.
Folgen für Sport, Arbeit und Prävention
- Arbeitswelt: Mehr Bewegungspausen und ergonomische Anpassungen am Arbeitsplatz können die Belastung vermindern.
- Sport und Training: Angepasste Programme mit Fokus auf Rumpfstabilität und Mobilität sind wichtiger Bestandteil der Therapie und Prävention.
- Gesundheitskommunikation: Die Botschaft muss sich ändern: Schmerz ist nicht zwingend ein Zeichen für sofortige Ruhe, sondern oft ein Signal für gezielte Aktivität.
Ein Kurzüberblick in Tabellenform zeigt die zentralen Punkte:
| Aspekt | Fakt |
|---|---|
| Betroffene Schweiz | 9 von 10 kennen Rückenschmerzen |
| Häufigkeit | Rund die Hälfte mehrmals pro Monat bis pro Woche betroffen |
| Art der Schmerzen | ~90% unspezifisch |
| Global | ~619 Millionen Betroffene (WHO) |
Für den Sportsektor bedeutet das: Trainer, Vereinsverantwortliche und Gesundheitsexperten sollten Bewegungsprogramme und Präventionskonzepte stärker in den Fokus rücken. Auch im Breitensport ist Aufklärung gefragt. Wer Rückenschmerzen erlebt, profitiert eher von gezielter Bewegung als von pauschaler Schonung.
Die Herausforderung liegt nun darin, diese Erkenntnisse in praktische Angebote zu übersetzen: von betrieblichen Präventionsprogrammen über öffentlich zugängliche Kursangebote bis zu Trainingsplänen, die Alltagsbewegung und gezielte Kräftigung kombinieren. Das Ziel bleibt klar: weniger Schmerz, mehr Bewegung, bessere Lebensqualität.