Mit anhaltendem Applaus hat die Uraufführung von Elfriede Jelineks Stück „Unter Tieren“ am Sonntag auf der Perner-Insel in Hallein das Programm der diesjährigen Salzburger Festspiele abgeschlossen. Die Inszenierung, die vom Burgtheater kofinanziert wird und wieder von Nicolas Stemann betreut wurde, dauerte dreieinviertel Stunden und setzte eine Reihe markanter künstlerischer Entscheidungen in Szene.
Inszenatorische Kontinuität und Veränderungen
Stemann griff für die Halleiner Fassung Elemente aus einer vorangegangenen „Urlesung“ auf, die vor einigen Monaten gezeigt worden war, verkürzte aber die Aufführung um etwa 45 Minuten. Deutlich erweitert wurde der Anteil jener Passagen, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten. Zentral ist eine computeranimierte Figur des umstrittenen Tech-Unternehmers Peter Thiel, die in der Inszenierung sowohl als Bildschirmfigur als auch als Pappfigur erscheint.
Die körperliche Präsenz Thiels wird in der Produktion zweifach markiert: zum einen als Pappkamerad, der in Papiermasken-Duetten unter anderem mehrfach innig eine Umarmung mit einer weiteren Pappfigur eingeht; zum anderen als digitaler Gesprächspartner auf dem Bildschirm, dessen Stimme und Mimik bewusst artifiziell gestaltet sind.
„Geld ist egal“, versichert die Computerfigur, „Ich will nur in Frieden leben.“
Öffentliche Reaktion und Intendanz-Dementi
Vor der Premiere hatte Stemann in einem Pressegespräch erklärt, man verhandle über eine Zuschaltung des echten Peter Thiel. Diese Äußerung löste öffentlichen Wirbel aus und führte dazu, dass die Intendantin der Festspiele, Karin Bergmann, ein dementierendes Statement abgab. In der Endfassung der Produktion bleibt Thiel jedoch präsent — als symbolische und digitalisierte Figur, nicht als Live-Gast.
Die Einbindung einer prominenten Figur in digitaler Form berührt Fragen nach künstlerischer Freiheit, Persönlichkeitsrechten und der Rolle von KI auf der Bühne. Die Inszenierung macht diese Spannungen sichtbar, ohne einfache Antworten zu liefern; sie arbeitet vielmehr mit Überzeichnung und Kontrast.
Publikum und künstlerische Wirkung
Das Premierenpublikum reagierte am Sonntag mit Standing Ovations, ein Zeichen dafür, dass die Aufführung auf Resonanz stieß. Inhaltlich bleibt Jelineks Stück provokant: Es verhandelt Machtstrukturen, Mensch-Tier-Verhältnisse und mediale Verfasstheiten in einer Sprache, die polarisieren kann. Die Entscheidung, Teile textlich und visuell zu kondensieren und KI-Elemente prominent einzusetzen, hat die Wahrnehmung des Werks verändert.
Für die beteiligten Häuser — insbesondere das Burgtheater als Koproduzent — stellt die Aufführung zugleich einen Probelauf dar, wie sich klassische Theaterarbeit mit neuen technischen Mitteln kombinieren lässt. Der Spielplan der Festspiele endet damit mit einer Aufführung, die sowohl inhaltlich als auch formal Diskussionsstoff liefert.
Technik, Ethik und Spielpraxis
Die Erweiterung um einen KI-Teil wirft praktische Fragen für die Aufführungspraxis auf: Wie werden Stimme und Mimik einer computeranimierten Figur reguliert? Welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten bei der künstlerischen Nutzung von Persönlichkeitsbildern, auch wenn es sich um abstrahierte oder künstlich erzeugte Darstellungen handelt? Die Produktion stellt diese Fragen in den Raum, ohne sie abschließend zu lösen.
| Aspekt | Konkretes in der Aufführung |
|---|---|
| Spieldauer | dreieinviertel Stunden |
| Regie | Nicolas Stemann |
| Koproduktion | Burgtheater |
| Besondere Elemente | Längerer KI-Teil, computeranimierte Figur von Peter Thiel, Pappfiguren |
Ausblick und lokale Bedeutung
Die Uraufführung auf der Perner-Insel setzt einen Schlusspunkt der großen Premieren der Salzburger Festspiele und bleibt Thema für Debatten über zeitgenössisches Theater in Salzburg. Für die Kulturlandschaft des Bundeslandes ist die Inszenierung insofern relevant, als sie technische Innovationen und medienethische Fragen in den Vordergrund rückt — Themen, die auch für andere Häuser und Festivals zunehmend bedeutsam werden dürften.
- Die Produktion kombiniert klassische Theaterpraxis mit digitalen Mitteln.
- Die Darstellung einer realen, kontroversen Persönlichkeit als KI-Figur löst öffentliche Debatten aus.
- Das Premierenpublikum würdigte die Aufführung mit Standing Ovations.
Die Diskussionen über die Grenzen künstlerischer Darstellung und die Rolle von KI im Bühnenbetrieb werden im Anschluss an die Aufführung in Salzburg sicher weitergeführt werden — in Feuilletons, Fachkreisen und auch im Austausch zwischen Theaterinstitutionen. Die Perner-Insel zeigte heuer, wie gegenwärtige Technik und Literatur zusammengedacht werden können, ohne dass ein fertiger Konsens entsteht.
Korrespondent: Philipp Moser, Salzburg