Im Rahmen des Zürcher Theater Spektakel ist eine auffällige Mischung aus Bühne und politischer Simulation zu sehen: In der historischen Aula der Universität Zürich trifft theatralische Gestaltung auf echte Politik. Die Aufführung trägt den Titel „Die Allianz der letzten Demokraten“ und verlegt die Zuschauerinnen und Zuschauer in die Rolle eines per Los bestimmten Bürgerrats, der über den Beitritt der Schweiz zu einer fiktiven internationalen Organisation entscheiden soll.
Ein Hybrid aus Inszenierung und politischer Probe
Die Szene ist bewusst verschwommen zwischen Realität und Fiktion: Sicherheitskräfte säumen den roten Teppich, Politikerinnen, Diplomaten und Expertinnen erscheinen — darunter die Nationalrätin Jacqueline Badran, die Direktorin von Economie Suisse Monika Rühl, der frühere Präsident des IKRK Jakob Kellenberger sowie der Philosoph und Autor Jason Stanley. Anders als bei konventionellem Theater sind diese Akteurinnen und Akteure real; das Publikum aber wird aktiv in Entscheidungsprozesse eingespannt.
„Die Allianz der letzten Demokraten“
Die fiktionale Ausgangslage führt ins Jahr 2027: Die Erosion demokratischer Institutionen habe weiter zugenommen; eine «International Democratic Alliance» (IDA) — ein Pakt von 44 Staaten zur Verteidigung der Demokratie — steht zur Debatte. In der Inszenierung soll nicht der Bundesrat, sondern ein per Los gewählter Bürgerrat über internationale Verträge entscheiden. Damit wird die Aufführung zu einer Art Pre-Enactment, einem performativ erprobten Zukunftsszenario, das die Zuschauerinnen zu aktiven Teilnehmenden des politischen Prozesses macht.
Form und Mechanik der Abstimmung
Die Zuschauenden erhalten ein pinkrotes Abstimmungsbüchlein, in dem die Vorlage sowie Argumente dafür und dagegen erklärt sind. Wer eines der Tickets für eine der vier Veranstaltungen besitzt, gehört zu jenen, die in dieser Simulation verpflichtet sind, ihre Stimme abzugeben. Die Anlage des Experiments fordert damit sowohl die Rolle von Publikum als auch die Verantwortung von Bürgerinnen und Bürgern heraus.
- Ort: Aula der Universität Zürich (historischer Kontext und symbolische Bedeutung)
- Inszenierung: „Die Allianz der letzten Demokraten“ — Teil des Fokus «Demokratie und Versammlung»
- Beteiligte reale Personen: Jacqueline Badran, Monika Rühl, Jakob Kellenberger, Jason Stanley
- Fiktive Organisation: International Democratic Alliance (IDA), 44 Staaten
- Mechanik: Per Los geloste Bürgerräte entscheiden statt Bundesrat; pinkrotes Abstimmungsbüchlein
Die Wahl der historischen Aula ist nicht zufällig: Vor genau 80 Jahren hielt Winston Churchill in derselben Aula eine Rede zur Demokratie; der Ort hat demnach bereits eine symbolische Aufladung, die die Inszenierung bewusst nutzt.
| Aspekt | Beschreibung |
|---|---|
| Fiktionales Jahr | 2027 |
| Anzahl Staaten (IDA) | 44 |
| Anzahl Veranstaltungen | Vier |
Worauf das Theater zielt
Die Aufführung operiert nicht mit einfachen Antworten, sondern mit Verunsicherung als Methode: Indem das realpolitische Personal auf einer Scheinbühne argumentiert und das Publikum bindend abstimmt, werden Fragen nach Legitimität, Verfahren und der Rolle direkter demokratischer Instrumente gestellt. Das Experiment fordert damit die traditionelle Trennung von Repräsentation und direkter Partizipation heraus — und lenkt zugleich die Aufmerksamkeit auf die Praxis demokratischer Willensbildung in einer Zeit, die als prekär beschrieben wird.
Ob die Inszenierung tatsächlich politische Lernprozesse auslöst oder eher die Stimmungslage bestätigt, bleibt offen; klar ist jedoch, dass das Theater Spektakel mit diesem Format die Grenzen des Genres auslotet: Bühne wird zur Versuchsanstalt politischer Zukunftsentwürfe, und das Publikum wird nicht länger nur Zeuge, sondern Mitentscheider.
Die Auseinandersetzung, die in Zürich geführt wird, lässt sich auch als Einladung lesen: zur Reflexion über Verfahren, die Legitimität herstellen — und über die Bedingungen, unter denen eine Gesellschaft bereit ist, die Regeln ihrer eigenen Entscheidungsfindung zu verändern.