Mit anhaltendem Applaus ist am Sonntagabend die letzte große Premiere der diesjährigen Salzburger Festspiele auf der Halleiner Perner‑Insel zu Ende gegangen. Die Uraufführung von Elfriede Jelineks „Unter Tieren“ dauerte dreieinviertel Stunden und wurde vom Publikum mit Standing Ovations bedacht.
Regiekonzept und Bezug zur Vorgängerproduktion
Inszeniert wurde das Stück von Nicolas Stemann, der damit Elemente und dramaturgische Prinzipien aus einer vor drei Monaten gezeigten „Urlesung“ am koproduzierenden Burgtheater übernahm. Die Spielzeit der Bühnenfassung liegt 45 Minuten unter jener der früheren Lesung; inhaltlich griff Stemann auf dasselbe Konzept zurück, das er bereits vor 17 Jahren zur Anwendung brachte. Sein eigenes Eingangsstatement, das er als Teil zwei von „Die Kontrakte des Kaufmanns. Eine Wirtschaftskomödie“ bezeichnete, ähnelte in Wortwahl und Ton stark jenem Statement, das er 2009 in Köln verwendet hatte. Stemann beschrieb die Aufführung als weniger klassische Inszenierung denn als „Textumsetzungsmaschine“.
KI‑Part und die Figur Peter Thiel
Neu in der Perner‑Insel‑Fassung ist ein erweiteter KI‑Anteil. Darin erscheint eine computeranimierte Darstellung des umstrittenen Techmilliardärs Peter Thiel, die mit blecherner Stimme spricht und zuckende Mundwinkel zeigt. Stemann hatte in einem Pressegespräch angekündigt, man verhandle über eine mögliche Zuschaltung des realen Thiel; daraufhin sah sich Intendantin Karin Bergmann zu einem Dementi genötigt.
In der Inszenierung ist Thiel doppelt präsent: als Pappkamerad, der mehrfach innig mit einer Papiermaske‑Figur von Sebastian Kurz umarmt wird, sowie als digitaler „Gesprächspartner“ am Bildschirm, der Stemann im Stück über seine erlittenen Kränkungen und die über ihn verbreiteten Unwahrheiten berichten lässt.
„Geld ist egal“, versichert die Computerfigur, „Ich will nur in Frieden leben.“
Zuschauerreaktionen und Dramaturgie
Der Abend lief ohne Pause; viele Zuschauer nutzten jedoch das Angebot, zwischendurch den Saal zu verlassen. Für jene, die kurzzeitig aus dem Saal gingen, gab es im Hof ausgespielte Szenen als kleine Ergänzung der Aufführung. Beobachter bemerkten, dass der Neuigkeitswert und der Erkenntnisgewinn des langen Abends gegen Ende eher gering waren.
Das Buch umfasst laut Programmangaben 210 Seiten, die gespielte Fassung beläuft sich auf 110 Seiten. Stemann setzte ein analoges Seiten‑Countdown‑Element ein, ein von ihm häufig verwendetes Theatermittel, das die verbleibende Länge der Textfassung visualisierte.
| Parameter | Angabe |
|---|---|
| Gesamtdauer der Aufführung | 3¼ Stunden |
| Seiten Buchausgabe | 210 |
| Seiten gespielte Fassung | 110 |
Einordnung und lokale Bedeutung
Die Uraufführung gehört zur Abschlussphase der Salzburger Festspiele und markiert einen kulturellen Schlusspunkt in Hallein. Die Kombination aus Jelineks Text, Stemanns langjährig erprobter Text‑Maschinen‑Ästhetik und dem Einsatz von KI‑Medien spiegelt aktuelle Debatten im Kunstbetrieb über Darstellungsformen, Autorschaft und digitale Medien wider. Die Einbindung einer prominenten, politisch und medial kontroversen Figur wie Peter Thiel hat die Debatte zusätzlich angefacht — sowohl in Bezug auf künstlerische Freiheit als auch auf die Grenzen medialer Darstellung.
Die Reaktionen im Publikum – von Standing Ovations bis zum temporären Verlassen des Saals – zeigen die Polarität des Projekts. Kritisch bleibt, ob die Erweiterungen durch digitale Elemente und Maskerade tatsächlich neuen Erkenntnisgewinn liefern oder primär bestehende Formate neu arrangieren.
Praktische Hinweise
Für Interessierte, die die Inszenierung noch sehen wollen, ist zu beachten, dass bei langen, pausenlosen Aufführungen das Verlassen des Saals als Teil des Veranstaltungssettings vorgesehen ist. Besucher werden gebeten, sich vorab über Spielzeiten und etwaige Zusatzaufführungen beim Festspielbüro zu informieren.
- Ort: Perner‑Insel, Hallein
- Autorin: Elfriede Jelinek
- Regie: Nicolas Stemann
- Besonderheit: Verlängerter KI‑Part mit computeranimierter Figur von Peter Thiel
Die Uraufführung steht in einer Reihe von aktuellen Theaterprojekten, die sich mit den Schnittstellen von Politik, Kapital und digitaler Medialität beschäftigen. Für Salzburg bedeutet die Aufführung einen Abschluss der Festspielsaison, der kulturpolitische Debatten in der Stadt und darüber hinaus anstoßen dürfte.