Berlin. Der 1. FC Union Berlin erlebt zu Saisonbeginn eine unerwartete Abwehrkrise. Nach dem 1:3 beim Aufsteiger FC Schalke 04 steht die Mannschaft mit bereits zehn Gegentoren in drei Spielen da und droht, von der einstigen Defensivmacht zur anfälligen Offensivbeute zu werden. Die jüngsten Ergebnisse werfen Fragen nach System, Einstellung und personellen Lösungen auf.
Fehlender Zugriff, zu einfache Gegentore
Union, das in der Vergangenheit vor allem durch eine stabile Defensive und hohe Laufbereitschaft überzeugte, wirkte gegen Schalke lange Zeit ideen- und kraftlos. Nach Treffern von Robin Gosens (25.) und Adil Aouchiche (46.) lagen die Berliner bereits mit 0:2 zurück. Erst in der zweiten Halbzeit entstanden nennenswerte Chancen; das späte 1:2 durch Tim Skarke in der Nachspielzeit (90.+6) und das endgültige 1:3 (90.+13) änderten nichts am ernüchternden Bild.
„Fakt ist, wir kriegen zu viele Gegentore. Zu einfache Gegentore und wir verlieren gewissermaßen unsere Stärke“,
warnte Rani Khedira nach der Partie und brachte damit auf den Punkt, was die Analyse vieler Beobachter ergibt: Die Gegentreffer seien zu vermeidbar gewesen, die Ordnung habe zu oft gefehlt.
Ergebnislage und Statistik
Die jüngsten Partien zeigen die Dimension des Problems. Union musste sich in kurzer Folge gegen namhafte Gegner behaupten und verlor dabei entscheidend an Stabilität:
- 3:3 gegen Eintracht Frankfurt (nach Rückstand 1:3)
- 0:4 gegen Bayer Leverkusen
- 1:3 gegen FC Schalke 04
Insgesamt stehen damit binnen drei Pflichtspielen zehn Gegentore. Zudem blieb Union in den bisherigen 14 Test- und Pflichtspielen dieser Saison nur einmal ohne Gegentor – beim 16:0 in einem Benefizspiel gegen den Achtligisten Grün‑Weiss Lübben.
| Spiel | Ergebnis | Gegentore |
|---|---|---|
| vs. Eintracht Frankfurt | 3:3 | 3 |
| vs. Bayer Leverkusen | 0:4 | 4 |
| vs. FC Schalke 04 | 1:3 | 3 |
Ursachen, Personal und Taktik
Spielerisch zeigte sich Union nach vorne zeitweise harmlos; Angriffe blieben oftmals ungeordnet und wirkten nicht durchschlagskräftig genug, um die defensive Unsicherheit auszugleichen. Innenverteidiger Tom Rothe forderte mehr Energie von Beginn an: „Wir können nicht jedes Spiel drei Dinger kassieren, weil jedes Spiel vier Tore zu machen, ist schwer.“
Trainer Mauro Lustrinelli hatte bereits eine Systemumstellung eingeleitet, um die Mannschaft offensiver auftreten zu lassen. Die letzten Ergebnisse zeigen jedoch, dass die neue Ausrichtung bislang auch Risiken birgt und die defensive Stabilität teilweise verloren ging. Lustrinelli steht nun vor der Aufgabe, die Balance zwischen Mut nach vorn und defensiver Kompaktheit wiederherzustellen.
Baldiges Spitzenspiel und Länderspielpause als Chance
Besonders brisant wird die Situation, weil in Kürze ein Auswärtsspiel beim FC Bayern ansteht. Die Partie gegen den Rekordmeister könnte die momentane Schwierigkeit weiter verschärfen, bietet aber auch eine klare Standortbestimmung. Im Anschluss folgt eine XXL-Länderspielpause von rund drei Wochen – für Union eine willkommene Gelegenheit, die eingeleitete Systemumstellung zu vertiefen und Defizite in der Defensive zu beheben.
Die Pause gibt dem Trainerteam Zeit für intensivere Arbeit an Struktur, Laufbereitschaft und Koordination. Ob das reicht, um die Talfahrt zu stoppen und die Abwehr wieder in jene Stabilität zu bringen, die Union in den vergangenen Jahren auszeichnete, bleibt abzuwarten. Klar ist: Die Zeit zum Experimentieren wird knapp, die Erwartungen an die Rückkehr zur defensiven Stärke sind hoch.
Für die Fans und die Klubführung gilt es nun, Ruhe zu bewahren und zugleich klare Antworten einzufordern. Union hat in der Vergangenheit gezeigt, dass kämpferischer Einsatz und taktische Disziplin Grundlagen des Erfolgs sind. Die Herausforderung besteht darin, diese Tugenden schnellstmöglich mit der geplanten offensiveren Handschrift zu vereinen.