Provokation auf der Bühne: Ein Stück, das nicht alle aushielten
Am Freitagabend hatte Tiago Rodrigues' Stück „Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten“ Premiere am Zimmertheater Tübingen. Die Inszenierung, die bundesweit bereits Aufmerksamkeit erregt hatte, weil es in Bochum zu einem Vorfall mit versuchter körperlicher Konfrontation kam, löste auch in Tübingen starke Reaktionen aus. Nach Angaben vorliegender Berichte hielten nicht alle Zuschauerinnen und Zuschauer die Aufführung aus.
Inhalt und Dramaturgie
Das Stück handelt von einer portugiesischen Familie, in deren Tradition es steht, jährlich einen Faschisten zu töten. Die Handlung setzt bei einer Urgroßmutter an, die als junge Frau miterlebte, wie Faschisten eine Frau namens Catarina erschossen, während ihr Mann untätig zusah. Als die Urgroßmutter später dessen Pistole verwendet und ihn erschießt, beginnt eine Tradition, die über Generationen gepflegt wird. Die Familie feiert, isst und lebt – und zugleich ist die Tötungsritualisierung fester Bestandteil ihrer Identität.
Eine junge Angehörige, Sara, soll erstmals selbst töten. Im Moment des Handelns zögert sie, erkennt „die Schönheit des Tötens“ nicht; die Familie zerbricht im weiteren Verlauf. Parallel dazu sitzt der Faschist auf einer Schaukel, verhüllt mit einer Schafsmaske, isoliert und stumm. Gegen Ende löst er seine Maske, legt den schwarzen Anzug ab und beginnt einen Monolog, der ihn von einer scheinbar bedrohlichen Figur zu einem modisch hell gekleideten, selbstbewussten Menschen wandelt.
Inszenierung und Darstellung
Malte Flierenbaum übernahm bei der Premiere die Rolle des Faschisten (Romeu). Er gab der Figur eine Mischung aus Überlegenheit, skrupellosem Charme und einem leis aufblitzenden Größenwahn. Diese Darstellung trägt wesentlich zur Verstörung bei, weil das Böse nicht als bloßes Monster, sondern in einer beunruhigenden Alltäglichkeit gezeigt wird. Die klare Kontrastierung – Schafsmaske, Schaukel, heimliches Umkleiden – verstärkt die ambivalente Wirkung.
- Autor: Tiago Rodrigues
- Bühne: Zimmertheater Tübingen
- Hauptrolle (Faschist): Malte Flierenbaum
- Thema: Traditionalisierte Gewalt, Erinnerung, Moral
Diskurs: Kunstfreiheit, Provokation, Publikum
Die Aufführung reiht sich in eine Diskussion über die Grenzen von Provokation in der darstellenden Kunst ein. Dass bereits eine Aufführung in Bochum bundesweit Schlagzeilen erzeugte, weil Zuschauer versuchten, einen Schauspieler anzugreifen, macht die Lage sensibel. In Tübingen blieb es laut Berichten bei starken emotionalen Reaktionen innerhalb des Saals; nicht alle Gäste konnten die drastische Inszenierung ertragen. Das Zimmertheater als städtische Bühne steht damit erneut im Fokus eines breiteren Diskurses um die Verantwortung von Theatermachern gegenüber Publikum und Gesellschaft.
„Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten“
Für das örtliche Kulturleben bedeutet dies einerseits Aufmerksamkeit und Publikumsbewegung, andererseits die Verpflichtung, Gespräche zu moderieren. Stadträte, Kulturinstitutionen und Theatermacher sehen sich häufig mit der Herausforderung konfrontiert, künstlerische Freiheit und gesellschaftliche Sensibilität auszubalancieren. Welche Rolle das Zimmertheater künftig in dieser Debatte spielt, hängt auch von seinem Umgang mit Publikumsgesprächen, Einordnungen und möglichen Begleitformaten ab.
| Aspekt | Kurzbeschreibung |
|---|---|
| Ursprungsort der Debatte | Bochum (Vorfall mit versuchter Störung) |
| Aktueller Spielort | Zimmertheater Tübingen |
| Ton der Inszenierung | Krass, ambivalent, provokativ |
Das Zimmertheater hat mit der Premiere ein Arbeitsfeld geöffnet, das über ästhetische Entscheidungen hinaus in die gesellschaftliche Debatte hineinreicht. Für lokale Kulturinteressierte lohnt es sich, Aufführungen und mögliche Nachgespräche zu besuchen, um Haltung und Wirkung dieser Inszenierung vor Ort zu verhandeln.