Bonn/NRW. Das Gründungsgeschehen in Deutschland hat sich im ersten Halbjahr 2026 beschleunigt. Nach einer Auswertung des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) wurden von Januar bis Juni bundesweit rund 143.000 gewerbliche Existenzgründungen registriert – deutlich mehr als die rund 132.000 im ersten Halbjahr 2024. Nordrhein-Westfalen führt die Entwicklung an: In NRW entstanden in diesem Zeitraum knapp 11.000 Betriebe mit Hauptniederlassung, 1.320 mehr als im Vergleichszeitraum 2024.
Wachsende Gründerzahlen trotz schwacher Konjunktur
Das IfM wertet die Entwicklung als positives Signal, obwohl die gesamtwirtschaftliche Lage laut Institut nicht stark ist. „Wir haben trotz der schwachen Konjunktur einen positiven Trend. Auch weil das Risiko von Arbeitslosigkeit steigt, wagen mehr Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit“, kommentiert IfM-Gründungsexperte Peter Kranzusch.
„Wir haben trotz der schwachen Konjunktur einen positiven Trend. Auch weil das Risiko von Arbeitslosigkeit steigt, wagen mehr Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit.“
Die Daten unterscheiden zwischen allen Gewerbegründungen und solchen Betrieben mit einer Hauptniederlassung, die im Handelsregister, in der Handwerksrolle eingetragen sind oder mindestens einen abhängig Beschäftigten haben. Letztere gelten als wirtschaftlich besonders relevant, weil sie in der Regel Arbeitsplätze schaffen und zum regionalen Wirtschaftskreislauf beitragen.
Bundesländer im Vergleich
Nordrhein-Westfalen liegt bei den Gründungen von Betrieben mit Hauptniederlassung an der Spitze, gefolgt von Bayern und Baden-Württemberg. Hessen steigerte seine Zahlen ebenfalls deutlich. Gleichzeitig stiegen auch die Schließungen dieser Betriebe: Von Januar bis Juni schlossen deutschlandweit etwa 35.700 dieser wirtschaftlich bedeutsamen Unternehmen – rund 2.100 mehr als im ersten Halbjahr 2024.
| Bundesland | Neugründungen (Hauptniederlassung) | Veränderung vs. HJ 2024 |
|---|---|---|
| Nordrhein-Westfalen | ~11.000 | +1.320 |
| Bayern | 9.160 | +1.750 |
| Baden-Württemberg | 6.160 | +1.230 |
| Hessen | ~4.200 | +1.100+ |
Branchen: Handel, Gastgewerbe und Bau im Fokus
Die IfM-Auswertung zeigt, dass sich die meisten Gründungen auf wenige Branchen konzentrieren. Neben Handel und Gastgewerbe sind das Baugewerbe sowie sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen wichtige Treiber. Gleichwohl fallen in diesen Sektoren auch überdurchschnittlich viele Unternehmensschließungen an, was auf hohe Dynamik und eine starke Fluktuation hindeutet.
- Handel: Viele Neugründungen und Schließungen – hohe Austauschrate.
- Gast- und Beherbergungsgewerbe: Neue Angebote nach der Pandemiephase, zugleich fragiler Markt.
- Baugewerbe: Zunahme von Handwerksgründungen und kleinem Firmenspektrum.
Regionale Bedeutung für NRW
Für Nordrhein-Westfalen sind die höheren Gründerzahlen bedeutsam: Die Region verfügt über eine dichte Unternehmensstruktur und einen großen Binnenmarkt, von dem neue Betriebe profitieren können. Gewerbliche Gründungen mit Hauptniederlassung haben hier besondere Relevanz, weil sie eher Mitarbeiter einstellen und Geschäftsräume sowie Verbindungen zu lokalen Zulieferern schaffen.
Arbeitsmarkt und politische Fragen
Die Daten werfen zugleich Fragen an Politik und Wirtschaftsförderung auf: Welche Unterstützung benötigen Gründerinnen und Gründer in NRW, um zu bestehen? Wie lassen sich Insolvenzen und Schließungen insbesondere in fragilen Branchen reduzieren? Förderprogramme, Beratungsangebote und bürokratische Entlastungen könnten laut IfM zu stabileren Startbedingungen beitragen. Konkrete Maßnahmen werden in der Auswertung nicht benannt, geben aber Ansatzpunkte für Landes- und Kommunalpolitik.
Fazit: Dynamik mit zwei Seiten
Die steigenden Gründerzahlen signalisieren eine wachsende Bereitschaft zur Selbstständigkeit, nicht zuletzt als Reaktion auf volatile Arbeitsmarktbedingungen. Nordrhein-Westfalen nimmt dabei eine führende Rolle ein. Die gleichzeitige Zunahme von Betriebsschließungen verdeutlicht jedoch die Herausforderungen: Neue Unternehmen entstehen, aber nicht alle überdauern die Anfangszeit. Für Wirtschaftsförderung und Politik bleibt die Aufgabe, Gründerinnen und Gründer in den kritischen ersten Jahren stärker zu unterstützen, damit mehr Start-ups zu nachhaltigen Arbeitgebern werden.
Korrespondent Nordrhein-Westfalen