Ein traditionsreicher Standort steht vor dem Aus
Das Kino-Center in der Gießener Bahnhofstraße wird voraussichtlich zum 31. Dezember schließen. Damit nähert sich ein Haus dem Ende, das 1912 als „Lichtspielhaus“ eröffnet wurde und damit mehr als ein Jahrhundert Kinogeschichte in Gießen repräsentiert. Nach Angaben der Betreibergesellschaft läuft der Pachtvertrag für das Gebäude zum Jahresende aus; eine Verlängerung ist nicht geplant.
Hintergrund der Entscheidung sind nach Darstellung der Kinopolis-Gruppe wirtschaftliche Gründe: Der geschäftsführende Gesellschafter Gregory Theile erklärte, das Kino sei „schon in der Vergangenheit nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben“ gewesen, bereits vor der Pandemie habe es Zuschüsse gegeben, und die Besucherzahlen reichten nicht aus, um das bisherige Programm aufrechtzuerhalten.
„Das Kino-Center war schon in der Vergangenheit nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben.“ — Gregory Theile, Kinopolis-Gruppe
Stadtpolitik reagiert: Antrag für Runden Tisch
In der jüngsten Sitzung der Stadtverordnetenversammlung griff die Linke-Fraktion die Entwicklung auf und stellte einen Dringlichkeitsantrag. Gefordert wird, unverzüglich einen Runden Tisch zum Erhalt des Kinos einzuberufen. Beteiligt werden sollen dem Antrag zufolge der Gebäudeeigentümer, der Kinobetreiber, Vertreter der Stadt sowie das aktuelle Kino-Team und die lokale Initiative zum Erhalt des Hauses.
Die Linke-Bezirksverordnete Natalie Maurer bezeichnete das Kino als einen „wichtigen kulturellen Ort“ und plädierte dafür, der Frage nach alternativen Betreibermodellen nachzugehen. Genannt wurden in der Debatte mögliche gemeinnützige, genossenschaftliche oder andere Modelle – ohne dass es bisher konkrete Zusagen oder ein ausgearbeitetes Konzept gibt.
Konsequenzen für die lokale Filmkultur
Die angekündigte Schließung wirft zahlreiche Fragen für das kommunale Kulturangebot auf: Welche Filme werden künftig in Gießen zu sehen sein, und wie lassen sich Programmvielfalt und spezielle Filmreihen erhalten, wenn ein etabliertes Kino wegfällt? Vertreter der Stadt zeigten sich laut Sitzungsprotokoll „dankbar, dass das Thema hier Eingang findet“, wie Oberbürgermeister Frank‑Tilo Becher (SPD) kommentierte, zugleich zeichnet sich bereits ab, dass kurzfristig keine einfache Lösung zu erwarten ist.
- Schließung: Pachtvertrag endet am 31. Dezember.
- Historie: Eröffnung 1912, mehr als 100 Jahre Kinoerfahrung in Gießen.
- Finanzlage: Betreibergesellschaft bezeichnet Betrieb als nicht wirtschaftlich, bereits zuvor Zuschüsse.
Was nun? Arbeitsgruppe „Filmkultur in Gießen“
Als Reaktion auf die Entscheidung kündigte die Stadt an, eine Arbeitsgruppe unter dem Titel „Filmkultur in Gießen“ einzurichten. Ziel dieser Arbeitsgruppe soll es sein, Perspektiven für die Zukunft des Filmangebots in Gießen aufzuzeigen. In der Erklärung heißt es, geprüft werden solle, ob eine Weiterführung des Standortes durch alternative Betreiberformen möglich ist oder ob andere Lösungen – etwa neue Veranstaltungsorte oder Kooperationen mit bestehenden Kulturträgern – die Lücke schließen könnten.
Konkrete Zeitpläne für die Arbeit der Gruppe und mögliche Zwischenschritte wurden bislang nicht genannt. Unklar bleibt auch, ob kurzfristig Programme an anderen Spielstätten veranstaltet werden können oder ob es in der Übergangszeit Lücken im Angebot geben wird.
| Ereignis | Angabe |
|---|---|
| Ursprüngliche Eröffnung | 1912 |
| Geplante Schließung / Pachtende | 31. Dezember |
Die Debatte in der Stadt verdeutlicht das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Tragfähigkeit und dem öffentlichen Anspruch auf kulturelle Infrastruktur. Ob und in welcher Form das Kino-Center weiter Bestand haben kann, hängt nun von Gesprächen zwischen Eigentümer, Betreibern, Politik und zivilgesellschaftlichen Gruppen ab. Für viele Gießenerinnen und Gießener ist mit dem möglichen Verlust jedoch bereits ein starker Einschnitt in das städtische Kulturleben verbunden.
Die Arbeitsgruppe „Filmkultur in Gießen“ wird in den kommenden Wochen die Rahmenbedingungen ausloten. Beobachter erwarten, dass Fragen zur Finanzierung, räumlichen Nutzung und zur programmatischen Ausrichtung im Mittelpunkt stehen werden.