Das Wiener Kinder- und Jugendtheater Dschungel Wien eröffnet seine neue Spielzeit am 19. September mit einem ungewöhnlichen Format: Unter dem Motto „Kinder an die Macht!“ übernehmen junge Menschen für zehn Tage zentrale Funktionen im Haus. Die Aktion setzt auf langjährige Vorbereitung: Kinder aus Volksschulen, Mittelschulen und Gymnasien haben laut Hausangaben ein Jahr lang in unterschiedliche theaterpraktische Bereiche hineingeschnuppert und mitgedacht.
Partizipation statt reiner Bühne
Die jungen Teilnehmenden sind nicht nur Statisten. Sie waren bei technischen Abläufen, Kostümfragen und Special Effects gefragt und haben neue Berufsbilder für das Theater erfunden. Dazu zählen etwa die Rolle der „Freundschaftsmacherin“ oder des „Trainers fürs Publikum“. Nicht alle müssen auf der Bühne stehen: Geplant sind eine von Kindern gestaltete Lichtshow, eine „Sinfonie aus Theaterklängen“, Präsentationen zu Special Effects sowie diverse Kostüm- und Schauspielbeiträge.
„Wir haben uns gefragt: Was wollen Kinder für ein Theater haben? Und wir wollten junge Menschen in künstlerische Prozesse und Entscheidungen einbeziehen,“ sagte Dschungel-Intendantin Anna Horn.
Die Intendantin betont damit das pädagogische Leitmotiv der Spielzeit: Jugendliche und Kinder sollen nicht nur Konsumentinnen und Konsumenten kultureller Angebote sein, sondern aktiv mitentscheiden und mitgestalten. Das Haus stellt sich damit als Lern- und Erfahrungsraum dar, in dem Technik, Dramaturgie und Publikumshandling erlebbar werden.
Programmatische Bandbreite: Von Looksmaxxing bis breakdancende Pferde
Die inhaltliche Palette der kommenden Produktionen bleibt breit. Zur Eröffnung am 19. September (19 Uhr) zeigt der Dschungel das Stück „Die Festung fällt“ (ab 12) der Autorin Laura Bernhardt. Dem Vernehmen nach thematisiert das Stück Erscheinungen wie Looksmaxxing und die Manosphere: Es handelt von zwei Brüdern, die allein zu Hause sind und in eine Online-Welt aus radikalen Ideologien und extremem Körperkult geraten. Laut Haus soll das Stück die Suche und Verzweiflung Jugendlicher ernst nehmen, zugleich aber die Brutalität dieser Onlinewelten sichtbar machen.
Weitere angekündigte Produktionen reichen von klassischeren Erzählungen bis zu überraschenden Mischformen: So bleibt der Dschungel dem Erzählen verbunden, etwa mit Motiven aus der Münchhausen-Tradition (inklusive der berühmten Szene „Ritt auf der Kanonenkugel“), und plant zugleich phantasievolle Bühnenszenen wie eine Weihnachtsproduktion mit breakdancenden Pferden und einer „Reise zum Mond“ — Motto laut Hausangaben: „Fake it till y…“ (Titel im Original unvollständig überliefert).
Der Spielplan enthält außerdem Formen des Erinnerns: Das Haus weist auf Produktionen hin, die sich etwa mit dem Holocaust-Gedenken befassen. Das zeigt die Absicht, für unterschiedliche Altersgruppen sowohl unterhaltsame wie auch ernste Themen anzubieten.
- Start: 19. September, 19 Uhr — Eröffnung mit partizipativer Produktion
- Dauer: Zehn Tage Übernahme durch Kinder und Jugendliche
- Teilnehmer: Kinder aus Volksschulen, Mittelschulen und Gymnasien (ein Jahr Vorbereitung)
| Datum | Programm | Hinweis |
|---|---|---|
| 19. September, 19 Uhr | „Die Festung fällt“ (Laura Bernhardt) | Für Jugendliche, ab 12 |
| Weihnachten (Termin offen) | Weihnachtsproduktion mit breakdancenden Pferden und Mondreise | Motto beginnt mit „Fake it till y…“ |
Was das für Wien bedeutet
Für die Stadt Wien und ihr Publikum bedeutet das Konzept eine Stärkung der kulturellen Bildung und eine Verknüpfung von Schule und Theaterbetrieb. Der Dschungel positioniert sich damit als Ort, an dem Kinder nicht nur Werte vermittelt bekommen, sondern aktiv kulturelle Handlungskompetenz erwerben. Das betrifft auch die lokale Theaterlandschaft: Partizipative Formate wie diese könnten Vorbildcharakter für andere Häuser haben, wenn sie zeigen, wie technische und künstlerische Praxis erfolgreich an junge Zielgruppen vermittelt werden kann.
Für Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen sowie die Bezirkskulturarbeit ist die Aktion ein Angebot, das Alltagsthemen von Jugendlichen sichtbar zu machen: Online-Radikalität, Körperbilder und Erinnerungskultur werden im Spielplan thematisiert, was Diskussionen in Schulen und Gemeinden anschieben dürfte.
Der Dschungel Wien beginnt damit eine Spielzeit, die zwischen Bildung, Erinnerung und experimentellem Erzähltheater oszilliert. Ob die Kinder wirklich das Theater „regieren“ — oder ob sich das Haus damit vor allem als Lernort für theatrale Berufe neu erfindet — wird das Publikum in den kommenden Wochen erleben.