Landgericht sieht schwere Schizophrenie als Tatursache
Das Landgericht Ulm hat einen 30 Jahre alten Mann nach einem Messerangriff in einem Ulmer Elektrofachmarkt vom Vorwurf des Mordes freigesprochen, ihn aber zur Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung auf unbestimmte Zeit verurteilt. Grundlage der Entscheidung war die Feststellung einer schweren psychischen Erkrankung: Nach Überzeugung der Kammer leidet der Angeklagte an schwerer Schizophrenie.
Die Tat hatte Mitte Januar für großes Aufsehen in Ulm gesorgt. Der Beschuldigte hatte nach Auffassung des Gerichts aus dem Nichts heraus einen 25 Jahre alten Angestellten des Geschäfts niedergestochen. Zwei weitere Beschäftigte des Marktes versuchten, den Angreifer abzuhalten, wurden dabei jedoch ebenfalls mit dem Messer verletzt. Täter und Opfer kannten sich nach den Feststellungen des Gerichts nicht.
Opfer erlitt schwere Verletzungen, Polizei setzte Schusswaffe ein
Der 25-Jährige erlitt nach Angaben des Gerichts schwere Stichverletzungen und musste mehrfach notoperiert werden. Lebensgefahr bestand; nach der Operationen begann die Erinnerung des Opfers erst schrittweise im Krankenhaus wieder einzusetzen. Die beiden Kollegen erlitten leichtere Schnittverletzungen. Der Täter verließ nach der Tat das Geschäft, wurde aber wenig später in der Nähe von zwei Polizeibeamten gestellt. Als er das Messer nicht fallen ließ und stattdessen auf die Beamten zuging, schossen diese auf ihn.
„Es gibt keine Hinweise auf einen politischen oder religiösen Grund“, betonte der Vorsitzende Richter.
Das Gericht betonte, dass Motive für die Tat nicht feststellbar seien. Über den Verteidiger hatte der Angeklagte „Wut, Frust und Verzweiflung“ als mögliche Beweggründe nennen lassen; die Kammer sah darin jedoch keine ausreichende Erklärung für die Tat, vielmehr die Folgen der psychischen Erkrankung.
- Täter: 30 Jahre, Herkunft Eritrea
- Hauptverletzter: 25-jähriger Angestellter, schwer verletzt, mehrfache Notoperation
- Weitere Verletzte: zwei Kollegen, leichtere Schnittverletzungen
- Polizeieinsatz: Beamte schießen, als Täter nicht auf Legen des Messers reagiert
- Gerichtliche Folge: Unterbringung in geschlossener Psychiatrie auf unbestimmte Zeit
Vorgeschichte und polizeiliche wie gesellschaftliche Folgen
Der Angeklagte ist vorbestraft und war nach Angaben des Gerichts kurz vor dem Angriff aus dem Gefängnis entlassen worden. Eine bereits 2023 geplante Abschiebung in sein Heimatland sei gescheitert, weil die zuständigen Behörden dort nicht kooperierten. Zu den konkreten Hintergründen und möglichen Versäumnissen in der Vollzugs- und Ausländerbetreuung konnten vor Gericht keine weiteren belastbaren Erkenntnisse gewonnen werden.
Der Fall hatte in Ulm große Bestürzung ausgelöst. Betroffene Arbeitskollegen, Kundinnen und Kunden sowie die Belegschaft des Geschäfts berichten von anhaltender Verunsicherung; die Stadt und die Polizei standen in der Folge verstärkt in der öffentlichen Wahrnehmung. Das Gericht verwies bei seiner Urteilsbegründung auf den Schutzanspruch der Bevölkerung, der durch die heutige Anordnung einer geschlossenen Unterbringung berücksichtigt werde.
| Aspekt | Bekannte Fakten |
|---|---|
| Tatzeit | Mitte Januar (konkretes Datum vor Gericht nicht erneut genannt) |
| Ort | Elektrofachmarkt in Ulm |
| Opfer | 1 schwer verletzt (25 Jahre), 2 leicht verletzt |
| Beschuldigter | 30 Jahre, Eritrea, vorbestraft |
| Gerichtliche Entscheidung | Freispruch wegen Schuldunfähigkeit; Unterbringung in geschlossener Psychiatrie |
Rechtlich bedeutet die Feststellung der Schuldunfähigkeit, dass eine strafrechtliche Verurteilung wegen fehlender Zurechnungsfähigkeit nicht erfolgt. Gleichzeitig schützt die Anordnung zur geschlossenen Unterbringung die Allgemeinheit und bietet dem Erkrankten medizinische Behandlung unter Aufsicht. Wie lange der Untergebrachte in der Einrichtung verbleiben wird, bleibt offen: Die Dauer richtet sich nach der weiteren Beurteilung seines Gesundheitszustands und möglichen Gefährdungsprognosen der zuständigen Sachverständigen.
Für die Ulmer Öffentlichkeit stehen nun Fragen im Raum, die über den Einzelfall hinausreichen: Wie ist der Informationsfluss zwischen Justiz, Vollzugs- und Ausländerbehörden zu bewerten? Welche Unterstützungs- und Präventionsangebote für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen und für die Opfer sind verfügbar? Die Verhandlung lieferte dazu keine abschließenden Antworten, verdeutlichte aber die Komplexität der Schnittstellen zwischen Gesundheits-, Sicherheits- und Migrationspolitik.
Die Entscheidung des Landgerichts markiert einen juristischen Abschluss der Hauptverhandlung, eröffnet aber zugleich Diskussionen über die Praxis der Unterbringung, die Verantwortung der Behörden und die Folgen für Opfer und Öffentlichkeit in Ulm.