Eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) legt nahe, dass die jüngeren Generationen in Deutschland mit einer schlechteren Gesundheitsprognose in Richtung Rentenalter gehen. Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass die Zahl der Jahre mit krankheitsbedingten Einschränkungen vor allem in jüngeren Altersgruppen zunimmt, was Konsequenzen für Erwerbsbiografien und Rentenpolitik haben könnte.
Analyse stützt sich auf umfangreiche Versichertendaten
Für die Untersuchung werteten die Forscherinnen und Forscher Daten von mehr als 3 Millionen Versicherten der AOK aus. Dabei konzentrierten sie sich auf Erkrankungen, die typischerweise zu einem vorzeitigen Ausscheiden aus dem Erwerbsleben führen, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Die Auswertung ergab, dass die Zahl der Krankheitsjahre vor dem 44. Lebensjahr zugenommen hat und sich damit gesundheitliche Risiken früher im Erwerbsleben manifestieren.
Ursachen und soziale Unterschiede
Als mögliche Ursachen nennen die Autorinnen der Studie insbesondere die Zunahme von Adipositas sowie negative Entwicklungen in der Arbeitswelt, etwa häufigere Jobwechsel und eine Zunahme der Arbeitsverdichtung bei geringeren Erholungsphasen. Außerdem zeigen die Daten deutliche soziale Unterschiede: Personen mit höherem Bildungsniveau haben im Durchschnitt deutlich mehr gesunde Lebensjahre als Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss.
„Insgesamt zeigt sich, dass die gesundheitliche Entwicklung oft nicht mit dem Anstieg der Lebensarbeitszeit Schritt hält“, sagte die Gesundheitsdemografin und Projektleiterin Juliane Tetzlaff.
Folgen für Arbeit und Altersversorgung
Die Ergebnisse werfen Fragen auf für die Debatte um die Verlängerung der Lebensarbeitszeit und das Renteneintrittsalter. Wenn Menschen künftig länger arbeiten sollen, ohne dass die Zahl gesunder Lebensjahre entsprechend steigt, drohen längere Phasen von Krankheit und eingeschränkter Erwerbsfähigkeit im höheren Alter. Das hat sowohl individuelle Folgen für Lebensqualität und finanzielle Absicherung als auch gesamtwirtschaftliche Auswirkungen etwa durch höhere Krankheits- und Sozialkosten sowie mögliche Produktivitätsverluste.
- Frühere Krankheitslast: Zunahme krankheitsbedingter Jahre vor dem 44. Lebensjahr.
- Soziale Disparitäten: Bessere Gesundheitsprognosen bei höherer Bildung.
- Risikofaktoren: Adipositas, Arbeitsverdichtung, häufiger Jobwechsel.
Politische und präventive Implikationen
Die Autorinnen der Studie sehen in den Ergebnissen einen Hinweis darauf, dass gesundheitspolitische Maßnahmen und präventive Strategien nötig sind, um den Trend zu stoppen. Dies betrifft sowohl Maßnahmen zur Förderung gesunder Lebensstile, etwa Prävention und Versorgung bei Übergewicht und Folgeerkrankungen, als auch arbeitsmarktbezogene Ansätze, darunter gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen, ausreichend Erholungszeiten und gezielte Programme zur beruflichen Rehabilitation.
| Aspekt | Ergebnis / Hinweis |
|---|---|
| Datengrundlage | Mehr als 3 Millionen AOK-Versicherte |
| Betroffene Altersgruppe | Zunahme krankheitsbedingter Jahre vor dem 44. Lebensjahr |
| Wesentliche Gründe | Adipositas, belastende Arbeitsbedingungen, soziale Ungleichheit |
Die Studie liefert damit eine empirische Grundlage für die laufende Diskussion über die Vereinbarkeit eines höheren Rentenalters mit gesundheitlicher Vorsorge. Ohne gezielte Gegenmaßnahmen könnte sich die Diskrepanz zwischen steigender Lebenserwartung und nicht parallel verbesserter Gesundheit weiter vergrößern, warnen die Forschenden.
Langfristig bedeute das für Politik und Arbeitgeber, präventive Gesundheitsförderung und soziale Ausgleichsmechanismen stärker in den Blick zu nehmen, um zu verhindern, dass längere Lebensarbeitszeiten zwangsläufig mit einer höheren Zahl krankheitsbedingter Lebensjahre einhergehen.
Miriam Sonntag
Gesundheitsredaktion, WE NEWS