Die Ständige Impfkommission (Stiko) erwägt eine Ausweitung der Impfempfehlung gegen Influenza auf alle Kinder und Jugendlichen. Grundlage sind aktuelle Daten, die im „Epidemiologischen Bulletin“ des Robert Koch‑Instituts (RKI) veröffentlicht wurden und auf eine sehr geringe Impfstoffnutzung in den bisher empfohlenen Risikogruppen hinweisen.
Nur ein geringer Anteil gefährdeter Kinder geimpft
Dem RKI zufolge werden derzeit nur etwa 10 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit relevanten Vorerkrankungen gegen Influenza geimpft. Diese Gruppe gilt nach den bisherigen Empfehlungen der Stiko als besonders gefährdet und erhält eine ausdrückliche Impfempfehlung. Gleichzeitig liegt der Anteil der 0‑ bis 17‑Jährigen mit entsprechenden Grunderkrankungen bei knapp 9 Prozent der Altersgruppe.
Die Daten zeigen zudem, dass Kinder und Jugendliche einen hohen Anteil an hospitalisierten Influenza‑Fällen ausmachen: Von allen Krankenhausbehandlungen wegen Grippe entfielen in den Jahren 2015 bis 2024 laut Statistischem Bundesamt 31,4 Prozent auf Personen unter 18 Jahren.
„Persönlich bin ich wie viele andere Kinderärztinnen und Infektiologen seit Langem ein eindeutiger Befürworter der Influenza‑Impfung für alle Kinder und Jugendlichen“
Diesen Standpunkt untermauerte Robin Kobbe, Infektionswissenschaftler und Facharzt für Kinder‑ und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Hamburg‑Eppendorf, gegenüber dem Science Media Center. Fachgesellschaften für Pädiatrie betonen seit Jahren, dass Influenza auch für Kinder gefährlich sein kann und dass Kinder das Virus leicht weitergeben können.
Mögliche Folgen und praktische Fragen
Die Stiko‑Mitglieder diskutieren derzeit, ob die vorhandenen Daten eine allgemeine Impfempfehlung für gesunde Kinder und Jugendliche rechtfertigen. Eine solche Entscheidung würde voraussichtlich weitreichende Konsequenzen für Impfprogramme und die Kommunikation mit Eltern und Ärztinnen und Ärzten haben. Zu klärende Punkte sind unter anderem:
- Logistik und Verfügbarkeit von Impfstoffdosen für eine deutlich größere Zielgruppe,
- Informations‑ und Aufklärungsmaßnahmen gegenüber Familien und in pädiatrischen Praxen,
- Erfassung und Monitoring der Impfquoten bei Kindern, um die Wirksamkeit jeder Maßnahme bewerten zu können.
Infektionsepidemiologin Barbara Gärtner, Leiterin der Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum des Saarlandes, hob die hohe Krankheitslast bei Kindern hervor und verglich die Hospitalisierungsraten kleiner Kinder mit denen sehr alter Personen: „Bei Kindern unter vier Jahren haben wir praktisch ähnlich hohe Hospitalisierungsraten wie bei Personen über 80 Jahren.“
Internationale Praxis als Referenz
In anderen europäischen Staaten existieren bereits Impfempfehlungen für jüngere Altersgruppen. Die Stiko wird solche internationalen Erfahrungen ebenso in ihre Bewertung einbeziehen wie nationale Erkrankungs‑ und Hospitalisierungsdaten.
| Indikator | Wert |
|---|---|
| Anteil geimpfter Kinder mit Vorerkrankungen | ~10 % |
| Anteil 0–17‑Jährige mit Grundkrankheiten | ~9 % |
| Anteil aller grippebedingten Krankenhausfälle (2015–2024) | 31,4 % |
Ein genereller Empfehlungsbeschluss würde nicht automatisch eine Impfpflicht bedeuten; er würde jedoch die Grundlage für eine breitere Impfkampagne schaffen und die ärztliche Beratungspraxis verändern. Wie schnell ein solcher Wechsel erfolgen könnte, ist derzeit offen und hängt von weiteren Beratungen der Stiko sowie von logistischen Voraussetzungen ab.
Die Debatte um die Influenzaimpfung für Kinder berührt neben medizinischen auch ethische und organisatorische Fragen: Wie erreicht man Eltern, die bislang wenig Vertrauen in saisonale Impfungen haben? Welche Priorisierung gilt bei begrenzten Kapazitäten? Die Stiko steht vor der Aufgabe, epidemiologische Evidenz mit praktischer Umsetzbarkeit zu verbinden.
Weitere Entscheidungen und Empfehlungen werden erwartet, sobald die Stiko ihre Bewertung der vorliegenden Daten abgeschlossen und mögliche Umsetzungsstrategien diskutiert hat.