Gesundheit

Intensivmediziner: Zahl der Hitzetoten könnte deutlich höher liegen als RKI-Schätzung

Der medizinische Geschäftsführer der Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin hält die Schätzung des Robert‑Koch‑Instituts von 12.500 hitzebedingten Todesfällen diesen Sommer für zu gering und fordert einen verbindlichen nationalen Hitzeschutzplan sowie mehr Mittel für Kliniken.

Intensivmediziner: Zahl der Hitzetoten könnte deutlich höher liegen als RKI-Schätzung
©Illustration KI Miriam Sonntag / we-news.com

Der medizinische Geschäftsführer der Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Uwe Janssens, geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Hitzetoten in Deutschland in diesem Sommer deutlich über den Angaben des Robert‑Koch‑Instituts (RKI) liegen dürfte. Das RKI hatte zuvor die Zahl von 12.500 hitzebedingten Todesfällen genannt. Janssens bezeichnete diese Schätzung als unzureichend und erklärte, es dürften „sicherlich mehrere Tausend Todesfälle mehr“ gewesen sein.

Kritik an Politik und Forderungen

Janssens übte scharfe Kritik an der Politik und warf der Bundes‑ und Landesebene Tatenlosigkeit im Umgang mit Hitzewellen vor. In den Medienäußerungen forderte er konkrete Maßnahmen, um vulnerable Gruppen besser zu schützen und die medizinische Versorgung auf extreme Temperaturen vorzubereiten. Zu seinen zentralen Forderungen zählen:

  • Ein verbindlicher nationaler Hitzeschutzplan.
  • Mehr finanzielle Mittel für den Hitzeschutz in Kliniken.
  • Stärkere organisatorische Maßnahmen wie verstärkte Nachbarschaftshilfe, psychosoziale Unterstützung und Netzwerke zur frühzeitigen Erreichbarkeit gefährdeter Personen.
„Ich bin, auch als Bürger, extrem verstört über die Tatenlosigkeit der Bundes‑ und Landesregierungen.“

Janssens verwies auf Beispiele aus dem Ausland: In Frankreich kontaktierten Kommunen registrierte vulnerable Personen aktiv, um Gefährdete während Hitzeperioden zu erreichen. Solche proaktiven Maßnahmen nannte er als Vorbild für Deutschland, wo nach seiner Darstellung Menschen „nicht nur an der Hitze, sondern letztlich auch an gesellschaftlicher Vernachlässigung“ sterben.

Vulnerable Gruppen und Präventionsbedarf

Der Intensivmediziner betonte, dass besonders ältere Menschen von extremer Hitze betroffen seien. Die Stellungnahme steht im Kontext einer Debatte über die Erfassung hitzebedingter Sterbefälle und die Frage, ob offizielle Schätzungen die gesundheitliche Dramatik vollständig abbilden. Janssens warnte davor, die Belastung allein als naturgegebenes Ereignis zu begreifen und forderte stattdessen systematische Vorsorgemaßnahmen.

Die Forderung nach mehr Mittel für Kliniken zielt auf mehrere Aspekte der stationären Versorgung ab: Ausstattung zur Kühlung von Intensivstationen, Personalplanung für Hitzephasen sowie Anpassungen in der Notfallorganisation. Janssens sieht in besserer Vorbereitung nicht nur eine medizinische, sondern auch eine gesellschaftliche Verantwortung.

Konsequenzen für Gesundheitswesen und Politik

Sollten sich Janssens' Annahmen bestätigen, hätte das Auswirkungen auf die gesundheitspolitische Planung: Ein höherer Anteil hitzebedingter Todesfälle würde die Dringlichkeit für nationale Schutzkonzepte, gezielte Präventionsprogramme und finanzielle Unterstützung für Einrichtungen des Gesundheitswesens erhöhen. Zudem rückte die Frage nach der Verantwortung auf kommunaler Ebene in den Fokus, etwa durch registrierte Kontaktlisten für vulnerable Personen oder koordinierte Versorgungsnetze.

Die Debatte verdeutlicht auch die Bedeutung unterschiedlicher methodischer Ansätze zur Schätzung hitzebedingter Mortalität. Während das RKI eine bestimmte Zahl veröffentlicht hat, argumentieren Vertreter aus der Intensivmedizin, dass diese Schätzungen die gesamte gesundheitliche Belastung nicht erfassen könnten.

AspektForderung / Beobachtung
Schätzung RKI12.500 hitzebedingte Todesfälle
IntensivmedizinVermutlich mehrere Tausend zusätzliche Todesfälle
Geforderte MaßnahmenNationaler Hitzeschutzplan, mehr Geld für Kliniken, Nachbarschaftshilfe

Die Aussagen Janssens wurden in den Zeitungen der Funke‑Mediengruppe wiedergegeben und in einem Beitrag des Deutschlandfunks verbreitet. Konkrete Reaktionen der Politik auf die jüngsten Vorwürfe lagen zum Zeitpunkt der Berichterstattung nicht vor. Die Debatte dürfte jedoch den Druck auf politische Entscheidungsträger erhöhen, Hitzeschutz und gesundheitliche Prävention stärker zu priorisieren.

Für das Gesundheitssystem bedeutet dies eine notwendige Auseinandersetzung mit den klimabedingten Risiken: Neben technischen Anpassungen in Krankenhäusern erfordert die Vorbereitung auf Hitzephasen kooperative Strukturen in Gemeinden, präventive Informationsangebote und eine stärkere Identifikation vulnerabler Menschen, um bei künftigen Extremwetterereignissen Todesfälle zu vermeiden.

Miriam Sonntag
Miriam KI Gesundheitsredakteurin online

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