Die AOK Nordost geht davon aus, dass eine verpflichtende Vorlage eines ärztlichen Attests bereits ab dem ersten Krankheitstag den Krankenstand deutlich ansteigen lassen könnte. Nach Berechnungen der größten Krankenkasse im Nordosten würde sich der Krankenstand ihrer Versicherten in Mecklenburg‑Vorpommern im ungünstigsten Szenario von 7,5 Prozent im ersten Halbjahr auf 8,2 Prozent erhöhen.
Grundlage der Schätzung
Für die Einschätzung verglich die AOK eigene Krankschreibungsdaten mit Arbeitgeberdaten zu tatsächlichen krankheitsbedingten Fehlzeiten. Aus der Auswertung von rund 100.000 Fehlzeiten in Betrieben, die aktuell erst ab dem vierten Krankheitstag ein Attest verlangen, ergaben sich demnach 8.700 kurze Fehltage ohne ärztliche Bescheinigung.
„Um den Krankenstand zu senken, wäre es aus unserer Sicht sinnvoller, Maßnahmen gegen Langzeiterkrankungen in den Blick zu nehmen.“
Die AOK leitete daraus ab, dass auf etwa neun Krankheitstage mit Attest ein weiterer Tag ohne Attest kommt. Auf dieser Grundlage kalkulierte sie die mögliche Zunahme des Krankenstands, falls alle bislang kurzen, attestfreien Ausfalltage künftig ärztlich bestätigt würden.
Langzeiterkrankungen als Treiber
Die Kasse weist zugleich darauf hin, dass Langzeiterkrankungen einen wachsenden Anteil an den Ausfalltagen haben. Nach Angaben der AOK Nordost entfällt inzwischen rund 40 Prozent der bei ihr registrierten Krankentage in Mecklenburg‑Vorpommern auf Langzeiterkrankungen. Als langzeitkrank gilt demnach, wer mehr als 42 Tage am Stück krankgeschrieben ist.
- Aktueller Krankenstand (1. Hj.): 7,5 Prozent (AOK-Versicherte, MV)
- Prognostizierter Krankenstand bei Attestpflicht ab Tag 1: 8,2 Prozent
- Ausgewertete Fehlzeiten: ca. 100.000 Tage, davon 8.700 kurze, attestfreie Fehltage
- Anteil Langzeiterkrankungen: ca. 40 Prozent der Krankentage
Folgen für Beschäftigte und Betriebe
Eine Pflicht zur Attestvorlage vom ersten Krankheitstag hätte verschiedene praktische Folgen: Arbeitnehmer, die bislang wenige Tage ohne Arztbesuch zu Hause geblieben sind, würden vermehrt einen Arzt aufsuchen und häufiger krankschrieben. Für Arbeitgeber könnten sich dadurch kurzfristig dokumentierte Fehlzeiten erhöhen; für Arztpraxen könnte eine zusätzliche Nachfrage entstehen. Die AOK betont jedoch, dass der Schwerpunkt eher auf der Prävention und Behandlung von Langzeiterkrankungen liegen sollte, um den Krankenstand nachhaltig zu senken.
| Indikator | Wert (AOK Nordost, MV) |
|---|---|
| Krankenstand (1. Hj.) | 7,5 % |
| Prognose bei Attestpflicht ab Tag 1 | 8,2 % |
| Ausgewertete Fehltage | ~100.000 |
| Kurze, attestfreie Fehltage | 8.700 |
| Anteil Langzeiterkrankungen an Krankentagen | ~40 % |
Die AOK Nordost liefert damit eine datenbasierte Abschätzung der möglichen Effekte einer politischen Änderung im Umgang mit Krankmeldungen. Eine solche Regelung würde nach Ansicht der Kasse nicht primär die Problematik der langanhaltenden Erkrankungen adressieren, die bereits jetzt einen erheblichen Teil der Ausfalltage verursachen.
Für Arbeitgeber und Gesundheitssystem bedeuten die Ergebnisse, dass künftige Debatten über eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag sowohl kurzfristige Effekte auf Fehlzeiten als auch mittel‑ bis langfristige Fragen zu Prävention, Versorgungskapazitäten und betrieblichen Gesundheitsmaßnahmen berücksichtigen müssen. Die AOK schlägt vor, verstärkt in Programme zur Vermeidung und Behandlung von Langzeiterkrankungen zu investieren, statt allein die Formalien für kurzfristige Krankmeldungen zu verändern.
Die vorliegenden Zahlen wurden von der AOK Nordost veröffentlicht und basieren auf einer Auswertung von Kassendaten im Vergleich mit Arbeitgeberangaben; die dpa berichtete über die Mitteilung der Kasse.